Studie enthüllt: Anleger widersprechen oft Finanzmodellen – unterschiedliche Wahrnehmungen von Renditen am Aktienmarkt entdeckt.

Studie enthüllt: Anleger widersprechen oft Finanzmodellen – unterschiedliche Wahrnehmungen von Renditen am Aktienmarkt entdeckt.

Unterschiedliche Wahrnehmungen von Renditechancen am Aktienmarkt

Eine Untersuchung des Exzellenzclusters ECONtribute der Universitäten Bonn und Köln analysiert, weshalb Anleger und Finanzexperten Unternehmensnachrichten häufig anders interpretieren als es finanzökonomische Modelle vorsehen. Die Studie mit dem Titel „Mental Models of the Stock Market“ wurde im Fachjournal The Quarterly Journal of Economics veröffentlicht.

Diskrepanz zwischen Marktreaktion und Anlegererwartung

Ein zentrales Beispiel verdeutlicht die Problematik: Gibt ein Unternehmen bekannt, seine Produktionskosten um 20 Prozent zu senken, reagieren die Aktienkurse in der Regel unmittelbar auf diese Information. Nach vier Wochen ist die Nachricht bereits im Kurs eingepreist. Dennoch neigen viele Anleger dazu, auch nach Ablauf dieser Zeitspanne Aktien zu kaufen, in der Erwartung, von zukünftigen Gewinnen zu profitieren.

Finanzmarktforscher erklären, dass Käufer, die erst später auf diese bereits bekannte Information reagieren, einen höheren Kurs zahlen und somit keine zusätzlichen Renditen erzielen können. „Viele Anleger fokussieren sich auf die verbesserten Gewinnaussichten, ohne zu berücksichtigen, dass der Markt diese Information bereits verarbeitet hat“, erläutert Prof. Johannes Wohlfart von der Universität zu Köln.

Untersuchungsdesign und Teilnehmer

Die Studie involvierte über 7.000 Personen aus Deutschland und den USA, darunter Privatanleger, Finanzberater, Fondsmanager sowie Finanzmarktforscher. Die Teilnehmenden sollten in einem Gedankenexperiment abschätzen, wie sich die Renditen nach einer bereits vier Wochen alten Unternehmensnachricht entwickeln würden.

Zwei Szenarien wurden präsentiert:

  • Ein Unternehmen kündigt Kostensenkungen an.
  • Eine neutrale Nachricht über die Fortsetzung einer Lieferantenbeziehung.

Ergebnisse und Interpretation

Die Auswertung zeigte, dass die Einschätzungen stark variieren. Rund 60 % der allgemeinen deutschen Bevölkerung, 74 % der Privatanleger sowie über die Hälfte der Fondsmanager (58 %) und Finanzberater (63 %) erwarteten auch Wochen nach der positiven Nachricht noch steigende Renditen. Demgegenüber gingen 67 % der Finanzmarktforscher davon aus, dass sich die Renditen nicht verändern würden.

Die Forscher führen diese Differenzen auf unterschiedliche mentale Modelle zurück, die die Wahrnehmung und Interpretation von Unternehmensnachrichten prägen. Während Finanzmarktforscher die Markteffizienz berücksichtigen und sowohl zukünftige Gewinne als auch aktuelle Aktienkurse in ihre Bewertung einbeziehen, konzentrieren sich Privatanleger vornehmlich auf die Aussicht auf höhere Unternehmensgewinne und vernachlässigen den bereits gestiegenen Aktienkurs.

Philipp Schirmer von der Universität Bonn erklärt: „Privatanleger argumentieren, dass steigende Gewinne zu höheren Renditen führen, ohne die gleichzeitig gestiegenen Aktienkosten zu berücksichtigen.“

Über den Exzellenzcluster ECONtribute

Der Exzellenzcluster ECONtribute, eine Kooperation der Universitäten Bonn und Köln, widmet sich der Erforschung gesellschaftlicher und technologischer Herausforderungen wie Finanzkrisen, Ungleichheit, politischer Polarisierung, Digitalisierung und Klimawandel. Interdisziplinäre Wissenschaftler entwickeln dabei innovative Methoden zur Analyse von Märkten und politischen Prozessen.

Förderung und beteiligte Institutionen

An der Studie wirkten neben ECONtribute auch die Goethe-Universität Frankfurt, das Leibniz-Institut für Finanzmarktforschung SAFE sowie das Max-Planck-Institut für Verhaltensökonomik mit. Die Finanzierung erfolgte unter anderem durch den DFG-Sonderforschungsbereich Transregio 224 „EPoS – Economic Perspectives on Societal Challenges“, das Center for Economic Behavior and Inequality, die Danish National Research Foundation, das Economic Policy Research Network (EPRN), briq, die Joachim Herz Stiftung sowie SAFE.

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Originalpublikation

https://doi.org/10.1093/qje/qjag039

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