Industriebeschäftigung auf Zehnjahrestief: Lohnvorsprung schwindet, neue Einstellungen bleiben aus.

Industriebeschäftigung auf Zehnjahrestief: Lohnvorsprung schwindet, neue Einstellungen bleiben aus.

Rückgang der Industriebeschäftigung auf Zehnjahrestief – Abnehmender Lohnvorsprung

Im Jahr 2025 ist die Anzahl der in der deutschen Industrie beschäftigten Personen auf 6,6 Millionen gesunken, was den niedrigsten Stand seit zehn Jahren darstellt. Parallel zum Wachstum des Dienstleistungssektors und anderer Branchen verringerte sich der Anteil der Industrie am gesamten Arbeitsmarkt von 22 Prozent im Jahr 2014 auf 19 Prozent. Gleichzeitig hat sich der Lohnvorsprung der Industrie gegenüber anderen Wirtschaftsbereichen deutlich reduziert. Eine detaillierte Analyse verschiedener Arbeitsmarktindikatoren auf Kreisebene sowie von rund 60 Millionen Online-Stellenanzeigen, durchgeführt im Rahmen des Jobmonitors der Bertelsmann Stiftung, verdeutlicht, dass keine Trendwende absehbar ist.

Ursachen für den Personalabbau in der Industrie

Die Debatte um Deindustrialisierung und Entlassungen in der deutschen Industrie hält an. Die Untersuchung des Instituts der deutschen Wirtschaft im Auftrag der Bertelsmann Stiftung zeigt jedoch, dass der Rückgang nicht durch vermehrte Kündigungen seitens der Arbeitgeber verursacht wird. Vielmehr liegt der Grund darin, dass freie Stellen nicht oder nur zögerlich nachbesetzt werden und neue Einstellungen ausbleiben. Bis 2019 entwickelten sich Einstellungen und Beendigungen von Arbeitsverhältnissen parallel. Seither ist ein deutlicher Rückgang der Neueinstellungen im Vergleich zu den Beendigungen zu verzeichnen, was zu einem Nettoverlust an Beschäftigten im Verarbeitenden Gewerbe führt.

Luisa Kunze, Arbeitsmarktexpertin der Bertelsmann Stiftung, bewertet diese Entwicklung als Warnsignal für die zukünftige Beschäftigungslage. Sie betont die Notwendigkeit einer Stärkung der Arbeitsnachfrage in der Industrie, um neue Einstiegschancen zu schaffen, berufliche Wechsel zu erleichtern und die Erneuerung der Branche zu fördern.

Abnehmender Lohnvorsprung der Industrie

Aus Sicht der Beschäftigten hat die Attraktivität der Industrieunternehmen abgenommen. Die Lohnsteigerungen in der Industrie fielen im Vergleich zu anderen Branchen deutlich geringer aus, wodurch sich der Lohnvorsprung halbiert hat. Bei den Einstiegslöhnen verringerte sich der Vorteil von 20 auf 10 Prozent, bei langjährig Beschäftigten sank er von über 16 auf knapp 9 Prozent. Dennoch bleibt das Risiko einer Arbeitslosigkeit in der Industrie geringer als in anderen Wirtschaftsbereichen und war im Jahr 2024 sogar niedriger als im Jahr 2014.

Rückgang der Stellenanzeigen und veränderte Anforderungen

Die eingeschränkten Beschäftigungsperspektiven spiegeln sich auch in der Anzahl der Online-Stellenanzeigen wider. Im Vergleich zu 2019 sank die Zahl der ausgeschriebenen Industrie-Stellen im Jahr 2025 um 161.000, was einem Rückgang des Anteils der Industrie an den Gesamtstellenanzeigen um 3,2 Prozentpunkte entspricht. Ein wesentlicher Faktor ist die abnehmende Zahl von Zeitarbeitsstellen, die kurzfristige Einsparungen ermöglichen, ohne die Stammbelegschaft direkt zu beeinträchtigen.

Darüber hinaus verändern sich die Tätigkeiten und Kompetenzanforderungen innerhalb der Industrie. Traditionelle Fertigungsberufe, etwa in der Kunststoffverarbeitung oder Metallbearbeitung, sind seit 2018 rückläufig. Im Gegensatz dazu steigt die Nachfrage nach Produktionsberufen mit komplexen technischen Anforderungen, beispielsweise in Elektrotechnik sowie Maschinen- und Fahrzeugtechnik. In diesen Bereichen nahm die Beschäftigung zwischen 2014 und 2024 um fünf Prozentpunkte zu.

Gunvald Herdin, Arbeitsmarktexperte der Bertelsmann Stiftung, weist darauf hin, dass die digitale und ökologische Transformation die Anforderungen an Industriearbeit verändert. Er unterstreicht die Bedeutung von Qualifizierungs- und Weiterbildungsmaßnahmen, die frühzeitig ansetzen müssen, um Arbeitslosigkeit zu vermeiden.

Regionale Unterschiede in der Beschäftigungsentwicklung

Die Entwicklung der Industriebeschäftigung variiert regional stark. Traditionell starke Industrieregionen, wie Süddeutschland, das Saarland und Teile Ostdeutschlands, verzeichneten bis 2019 überdurchschnittliches Wachstum. Nach 2019 fielen die Beschäftigungseinbußen dort vergleichsweise moderater aus als in anderen Gebieten. Dennoch stehen auch diese Regionen unter zunehmendem Druck, da der außenhandelsgetriebene Wachstumsmotor entfällt und Automatisierungs- sowie Rationalisierungseffekte verstärkt wirken.

Luisa Kunze erklärt, dass die industrielle Stärke dieser Regionen lange als Puffer gegen Beschäftigungsverluste fungierte, dieser Vorteil jedoch schwindet. Die Betroffenheit einzelner Regionen hängt zudem von lokalen Standortfaktoren, Investitionen und dem Branchenmix ab.

Studienhintergrund und weitere Informationen

  • Die Analyse ist Teil der Studienreihe „Industriedynamiken in Deutschland“ und untersucht die Entwicklung der Industriebeschäftigung im Kontext des Strukturwandels.
  • Als Industrie wird das Verarbeitende Gewerbe gemäß Abschnitt C der Klassifikation der Wirtschaftszweige definiert.
  • Untersucht werden Beschäftigung, Einstellungen, Beendigungen, Arbeitsnachfrage, Auswirkungen auf Beschäftigte sowie industrietypische Berufe im Vergleich zur übrigen Wirtschaft auf Kreisebene.
  • Die Datengrundlage umfasst Sonderauswertungen der Bundesagentur für Arbeit, Verdienststruktur- und Verdiensterhebungen sowie Online-Stellenanzeigen aus dem Jobmonitor der Bertelsmann Stiftung.
  • Der Untersuchungszeitraum erstreckt sich von 2014 bis 2024, bei Online-Stellenanzeigen von 2019 bis 2024; für einzelne Indikatoren wurden Prognosen für 2025 berücksichtigt.
  • Die Studie wurde vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) erstellt, Autoren sind Jan Felix Engler, Dr. Armin Mertens, Dr. Stefanie Seele, Christoph Schröder und Dr. Oliver Stettes.

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