Ausbildungsvergütungen steigen um 3,9%: Mehrheit der Auszubildenden erhält über 1.000 Euro im ersten Jahr – Tarifbindung entscheidend.

Ausbildungsvergütungen steigen um 3,9%: Mehrheit der Auszubildenden erhält über 1.000 Euro im ersten Jahr – Tarifbindung entscheidend.

Tarifliche Ausbildungsvergütungen steigen um 3,9 Prozent – Vergütungen unter 1.000 Euro im ersten Jahr kaum noch vorhanden

Eine aktuelle Analyse des Tarifarchivs des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung zeigt, dass die tarifvertraglichen Ausbildungsvergütungen im Ausbildungsjahr 2025/26 im Durchschnitt um 3,9 Prozent gestiegen sind. In den meisten Branchen erhalten Auszubildende im ersten Jahr nun mehr als 1.000 Euro monatlich.

Untersuchungsergebnisse und Branchenunterschiede

Die Auswertung umfasst 20 ausgewählte Tarifbranchen und verdeutlicht, dass tarifliche Ausbildungsvergütungen zunehmend eine eigenständige Existenzsicherung ermöglichen. Prof. Dr. Thorsten Schulten, Leiter des WSI-Tarifarchivs, betont, dass in den meisten Tarifbereichen die Vergütungen im ersten Ausbildungsjahr den BAföG-Höchstsatz für Studierende übersteigen.

Anders gestaltet sich die Lage für rund 45 Prozent der Auszubildenden, die in Betrieben ohne Tarifbindung ausgebildet werden. Diese erhalten häufig deutlich niedrigere Vergütungen, teilweise nur die gesetzliche Mindestausbildungsvergütung von derzeit 724 Euro monatlich. Der Deutsche Gewerkschaftsbund fordert daher eine Anhebung der Mindestausbildungsvergütung auf mindestens 80 Prozent des tariflichen Durchschnitts, was aktuell 894 Euro im ersten Ausbildungsjahr entsprechen würde.

Regionale und branchenspezifische Vergütungsunterschiede

Die tariflichen Ausbildungsvergütungen variieren erheblich je nach Branche, Region und Ausbildungsjahr. Die Spanne reicht von 785 Euro monatlich im ersten Ausbildungsjahr im Friseurhandwerk in Nordrhein-Westfalen bis zu 1.714 Euro im vierten Ausbildungsjahr im Bauhauptgewerbe.

  • Nur in drei Tarifbereichen liegen die Vergütungen im ersten Jahr unter 1.000 Euro: Landwirtschaft (Nordrhein-Westfalen 890 Euro, Mecklenburg-Vorpommern 930 Euro), Floristik in Westdeutschland (900 Euro) und Friseurhandwerk in Nordrhein-Westfalen (785 Euro).
  • Die höchsten Ausbildungsvergütungen über 1.200 Euro im ersten Jahr finden sich unter anderem in folgenden Branchen:
    • Pflegeberufe im öffentlichen Dienst (Bund und Gemeinden: 1.491 Euro, Länder: 1.441 Euro)
    • Versicherungsgewerbe (bundeseinheitlich 1.455 Euro)
    • Privates Bankgewerbe (bundeseinheitlich 1.400 Euro)
    • Öffentlicher Dienst (Bund und Gemeinden: 1.368 Euro, Länder: 1.297 Euro)
    • Deutsche Bahn AG (1.325 Euro)
    • Metall- und Elektroindustrie in Baden-Württemberg (1.304 Euro) und Sachsen (1.272 Euro)
    • Süßwarenindustrie in Ostdeutschland (1.277 Euro) und Nordrhein-Westfalen (1.201 Euro)
    • Textilindustrie in Baden-Württemberg (1.270 Euro)
    • Kfz-Handwerk in Baden-Württemberg (1.218 Euro)
    • Chemische Industrie im Tarifbezirk Nordrhein (1.204 Euro)
  • Etwa die Hälfte der untersuchten Branchen zahlt Ausbildungsvergütungen zwischen 1.000 und 1.200 Euro monatlich, darunter Backhandwerk, Bauhauptgewerbe, Druckindustrie, Einzelhandel, Gastgewerbe, Gebäudereinigung, Holz- und Kunststoffindustrie sowie das private Verkehrsgewerbe.

Bundeseinheitliche Ausbildungsvergütungen existieren in acht Tarifbranchen, darunter Backhandwerk, Bauhauptgewerbe, privates Bankgewerbe, Druckindustrie, Deutsche Bahn AG, Gebäudereinigung, öffentlicher Dienst und Versicherungsgewerbe.

In neun Tarifbereichen bestehen weiterhin Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland. Die größten Differenzen zeigen sich in der Textilindustrie (140 Euro), im Kfz-Gewerbe (130 Euro) und im Gastgewerbe (105 Euro). In einigen Branchen liegen die Vergütungen in Ostdeutschland sogar über dem Westniveau, beispielsweise in der Landwirtschaft, Süßwarenindustrie und im privaten Verkehrsgewerbe.

Im Friseurhandwerk und in der Floristik gibt es derzeit nur in Westdeutschland tarifliche Ausbildungsvergütungen, während in Ostdeutschland ausschließlich die gesetzliche Mindestausbildungsvergütung gezahlt wird.

Entwicklung der Ausbildungsvergütungen über die Ausbildungsjahre

Auch im zweiten und dritten Ausbildungsjahr bestehen erhebliche Unterschiede. Die Vergütungen im zweiten Jahr reichen von 910 Euro (Friseurhandwerk Nordrhein-Westfalen) bis 1.552 Euro (Pflegeberufe im öffentlichen Dienst). Im dritten Ausbildungsjahr liegen alle tariflichen Vergütungen über 1.000 Euro, mit einer Spannweite von 1.065 Euro bis 1.653 Euro.

In elf Branchen wird zudem eine Vergütung für ein viertes Ausbildungsjahr gezahlt. Die höchste beträgt 1.714 Euro im Bauhauptgewerbe in Westdeutschland, die niedrigste 1.224 Euro im Kfz-Gewerbe in Thüringen.

Steigerungen der Ausbildungsvergütungen im Jahr 2025/26

Im Zeitraum vom 1. September 2025 bis 1. September 2026 stiegen die tariflichen Ausbildungsvergütungen im ungewichteten Durchschnitt um 3,9 Prozent. Diese Zuwächse sind zwar geringer als im Vorjahr, übersteigen jedoch weiterhin die Erhöhungen der regulären Tariflöhne, die 2025 um 2,6 Prozent zunahmen und für 2026 auf 3,1 Prozent geschätzt werden.

Die höchsten Steigerungen verzeichnen die ostdeutsche Textilindustrie (7,6 Prozent), das Versicherungsgewerbe (7,4 Prozent) und das private Transport- und Verkehrsgewerbe in Nordrhein-Westfalen (7,0 Prozent). Weitere Branchen mit überdurchschnittlichen Erhöhungen zwischen 5,0 und 7,0 Prozent sind der öffentliche Dienst (Bund und Gemeinden), die Pflege im öffentlichen Dienst sowie die Holz- und Kunststoffindustrie in Sachsen. Die Mindestausbildungsvergütung stieg um 6,2 Prozent.

In zehn Tarifbereichen wurden die Vergütungen um 4,0 bis 5,0 Prozent angehoben, in sieben Bereichen um 2,0 bis 4,0 Prozent. In neun Bereichen erfolgten bislang keine Erhöhungen, teils aufgrund laufender oder noch nicht begonnener Tarifverhandlungen. In der Textilindustrie Baden-Württemberg und der Chemischen Industrie (Nordrhein und Ost) sind Erhöhungen beschlossen, die jedoch erst ab Oktober 2026 bzw. Januar 2027 wirksam werden.

Langfristige Entwicklung der Ausbildungsvergütungen

In den vergangenen zehn Jahren stiegen die tariflichen Ausbildungsvergütungen deutlich stärker als die Tariflöhne. Während die Tariflöhne zwischen 2015 und 2025 um 35 Prozent zunahmen, erhöhten sich die Ausbildungsvergütungen um 47 Prozent. Besonders im Jahr 2025 wurde mit einem Zuwachs von 6,7 Prozent der höchste Anstieg der letzten Dekade verzeichnet, während die Tariflöhne um 2,6 Prozent stiegen.

Prof. Dr. Schulten weist darauf hin, dass die Dynamik vor allem von Dienstleistungsbranchen mit traditionell niedrigeren Vergütungen getragen wird, die mit überdurchschnittlichen Steigerungen auf den Fachkräftemangel reagieren.


Kontaktinformationen

Prof. Dr. Thorsten Schulten
Leiter WSI-Tarifarchiv
Telefon: 0211-7778-239
E-Mail: Thorsten-Schulten@boeckler.de

Rainer Jung
Leiter Pressestelle
Telefon: 0211-7778-150
E-Mail: Rainer-Jung@boeckler.de


Weiterführende Informationen

Die vollständige Pressemitteilung mit Abbildungen und Tabellen ist unter folgendem Link abrufbar:
https://www.boeckler.de/data/pm_wsi_ta_2026_07_31.pdf

Schreibe einen Kommentar