Deutschland kann durch konsequente internationale Klimapolitik seine strategischen Interessen stärken
Die Förderung des globalen Klimaschutzes entspricht einem grundlegenden Eigeninteresse Deutschlands und der Europäischen Union. Neben der Vermeidung von Klimaschäden dient sie als Instrument zur Erreichung sicherheits- und wirtschaftspolitischer Ziele und reduziert die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffimporten. Ein Kurzdossier des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung unterstützten Kopernikus-Projekts Ariadne erläutert, warum Deutschland und die EU an ambitionierter Klimapolitik festhalten sollten und welche Instrumente und Formate geeignet sind, um internationalen Klimaschutz zu fördern und nationale Maßnahmen zu sichern.
Internationale Emissionsminderung als lohnende Investition
Aus klimapolitischer Sicht spielt es keine Rolle, an welchem Ort weltweit Treibhausgasemissionen gesenkt werden. Daher empfiehlt das Forschungsteam, dass Deutschland und die EU finanzielle Unterstützung für Emissionsreduktionen in anderen Staaten leisten. Jede vermiedene Tonne CO₂ weltweit reduziert zukünftige Klimaschäden im Inland. Ole Adolphsen von der Stiftung Wissenschaft und Politik, Mitautor der Studie, beziffert die vermiedenen Klimaschäden innerhalb der EU auf etwa 34 Euro pro vermiedener Tonne CO₂. Hinzu kommen sicherheitspolitische Auswirkungen sowie schwer quantifizierbare menschliche Schäden durch potenzielle Krisen, Konflikte und Migration.
Strategische Handlungsfelder für eine wirksame Klimadiplomatie
Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, der Hertie School, dem Ecologic Institute, der Stiftung Wissenschaft und Politik, Climate Transition Economics und Adelphi identifizieren vier zentrale Elemente eines strategischen Portfolios:
- Finanzielle Unterstützung zur Dekarbonisierung in anderen Ländern
- Optimierung nicht-finanzieller Anreizmechanismen für die Emissionsminderung im Ausland
- Schutz nationaler Klimaschutzmaßnahmen vor externem Druck
- Risikomanagement für Lieferketten klimarelevanter Technologien
Aus diesen Handlungsfeldern leiten die Forschenden die Bedeutung verschiedener Instrumente ab, darunter internationale Kooperationen wie die Partnerschaften für eine gerechte Energiewende (Just Energy Transition Partnerships, JETPs), der CO₂-Grenzausgleichsmechanismus (Carbon Border Adjustment Mechanism, CBAM) sowie das neu vorgeschlagene Konzept der Jurisdictional Reward Funds (JRF).
Ausgleich von Wettbewerbsbedingungen und Schutz des heimischen Klimaschutzes
Ökonomisch betrachtet ist ein Vorgehen entlang dieses Portfolios sinnvoll, sofern die Grenzkosten der Emissionsreduktion in anderen Ländern niedriger sind als die sozialen Schäden, die andernfalls national oder europäisch durch den CO₂-Ausstoß oder sicherheitspolitische Dynamiken entstehen. Die Studie zeigt, dass Deutschland und die EU davon profitieren, wenn sie Anreize für strengere Klimapolitiken in anderen Staaten schaffen. Der CO₂-Grenzausgleichsmechanismus beispielsweise erhebt Zölle auf Importe aus Ländern mit unzureichendem Klimaschutz. Dies gleicht nicht nur Wettbewerbsnachteile der heimischen Industrie aus, sondern motiviert auch andere Länder zu ambitionierteren Klimaschutzmaßnahmen. Gleichzeitig schützt dieses Instrument nationale Klimaziele, die sonst durch Verlagerung von Industrie ins Ausland gefährdet wären.
Die Jurisdictional Reward Funds stellen ein innovatives Finanzierungsinstrument dar, das Regierungen anderer Staaten stärker zu Emissionsreduktionen motivieren soll. Im Gegensatz zur Finanzierung einzelner kleiner Projekte wird hier die Belohnung großflächiger Minderungen über einen ergebnisorientierten Zahlungsmechanismus organisiert, der zunächst kostengünstige Optionen priorisiert. Politische Rahmenbedingungen bieten Artikel 6 des Pariser Klimaabkommens sowie die Partnerschaften für eine gerechte Energiewende.
Reduzierung fossiler Abhängigkeiten durch wechselseitige Partnerschaften
Die Diversifizierung von Lieferketten und der Aufbau strategischer Reserven klimaneutraler Energieträger stärken die Verhandlungsposition Deutschlands auch im Kontext des Klimaschutzes. Die Forschenden betonen, dass Klimapolitik zunehmend mit Wirtschafts- und Sicherheitspolitik verknüpft ist und somit als Hebel in diesen Bereichen fungieren kann. Deutschland sollte seine Eigeninteressen klarer kommunizieren und bestehende Abhängigkeiten durch gegenseitige Partnerschaften ersetzen, um internationale Verhandlungsmacht zu erhöhen.
Empfehlungen für die zukünftige Klimadiplomatie
Das Kurzdossier unterstreicht, dass die Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen (UNFCCC) weiterhin als übergeordnetes Forum für globale Klimabemühungen dienen sollte. Effektivere und zielgerichtetere Maßnahmen könnten jedoch in kleineren Bündnissen von Ländern mit vergleichbaren Rahmenbedingungen realisiert werden. Die Forschenden empfehlen, dass Deutschland seine Ressourcen auf wenige wirkungsvolle Projekte konzentriert und seine Partnerschaften insbesondere mit den USA, China und Indien aufrechterhält – auch auf europäischer Ebene. Auf diese Weise kann Deutschland nicht nur zum Klimaschutz beitragen, sondern zugleich seine eigenen strategischen Interessen stärken.
Quellenangaben
Ole Adolphsen, Matthias Duwe, Marian Feist, Christian Flachsland, Michael Jakob, Matthias Kalkuhl, Maximilian Kellner, Dennis Tänzler, Joschka Wanner (2026): Herausforderungen und Prioritäten für die deutsche Klimadiplomatie. Kopernikus-Projekt Ariadne, Potsdam.
Deutsche Zusammenfassung: https://ariadneprojekt.de/media/2026/09/Ariadne-Kurzdossier_Klimadiplomatie_Zusammenfassung_September2026.pdf
Ole Adolphsen, Matthias Duwe, Marian Feist, Christian Flachsland, Michael Jakob, Matthias Kalkuhl, Maximilian Kellner, Dennis Tänzler, Joschka Wanner (2026): Challenges and priorities for Germany’s climate diplomacy. Kopernikus-Projekt Ariadne, Potsdam.
Englische Vollversion: https://ariadneprojekt.de/media/2026/09/Ariadne-Dossier_Climate-Diplomacy_September2026.pdf



















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