Analyse der kombinierten Auswirkungen verschiedener Reformvorhaben durch das ZEW
Das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim hat die Effekte mehrerer kürzlich veröffentlichter Reformvorhaben untersucht, deren gemeinsame Auswirkungen bisher nicht eindeutig bewertet wurden. Die Analyse zeigt, dass der Staat durch die Reformen Mehreinnahmen von etwa 9,7 Milliarden Euro erzielt. Diese Mehrbelastung trifft vor allem private Haushalte mit höheren Einkommen.
Reformrechner zur Darstellung der Nettoauswirkungen
Auf Grundlage der Daten des ZEW hat DIE ZEIT einen sogenannten „Reformrechner“ entwickelt, der die Auswirkungen der Reformen ab dem Jahr 2028 auf das Nettoeinkommen von Arbeitnehmern in der gesetzlichen Krankenversicherung abbildet. Dabei werden unterschiedliche Einkommensgruppen, Familienstände und Kinderzahlen berücksichtigt.
Prof. Dr. Holger Stichnoth, Leiter der ZEW-Forschungsgruppe „Ungleichheit und Verteilungspolitik“, betont, dass die Bereitstellung dieser Daten zur Erhöhung der Transparenz in der öffentlichen Debatte beiträgt.
Verteilung der Mehrbelastungen
- Die Untersuchung kombiniert Reformen in den Bereichen Einkommensteuer sowie gesetzliche Kranken-, Pflege- und Rentenversicherung.
- Insgesamt führen die Maßnahmen zu einer Mehrbelastung, die sich jedoch hauptsächlich auf höhere Einkommensgruppen konzentriert.
- Für niedrige und mittlere Einkommen bleiben die Belastungen weitgehend konstant, da erhöhte Sozialversicherungsbeiträge durch steuerliche Entlastungen teilweise kompensiert werden.
- Der Staatshaushalt profitiert von einer Entlastung in Höhe von 9,7 Milliarden Euro.
Allerdings berücksichtigt die Berechnung nicht die sogenannte kalte Progression, wodurch insbesondere bei niedrigeren Einkommen reale Belastungen entstehen können. Dies würde auch die Belastungen für höhere Einkommen zusätzlich erhöhen.
Beispielhafte Einkommenswirkungen
- Eine alleinstehende Person mit einem Bruttojahreseinkommen von etwa 50.000 Euro verfügt im Jahr 2028 über rund 48 Euro weniger Nettoeinkommen.
- Ist diese Person verheiratet und hat ein Kind unter zwölf Jahren im Haushalt, steigt das verfügbare Nettoeinkommen um etwa 111 Euro jährlich.
- Haushalte mit einem Bruttojahreseinkommen von über 250.000 Euro sind durchschnittlich mit etwa 2.400 Euro höheren Belastungen konfrontiert.
- Prozentual gesehen ist die Mehrbelastung in der höchsten Einkommensgruppe am stärksten ausgeprägt.
Auswirkungen auf das Arbeitsangebot
Der Wegfall der beitragsfreien Mitversicherung führt dazu, dass bei Aufnahme einer Beschäftigung keine zusätzlichen Krankenkassenbeiträge mehr anfallen. Insgesamt erhöht sich das Arbeitsangebot durch die Reformen um circa 18.000 Vollzeitäquivalente, so Prof. Stichnoth.
Methode der Analyse
Die Effekte der Reformen wurden mithilfe des Mikrosimulationsmodells „Evaluationsmodell für integrierte Steuer- und Transferpolitik-Analysen“ (ZEW-EviSTA) quantifiziert. Dieses Modell bildet das deutsche Steuer- und Transfersystem detailliert ab und ermöglicht die Analyse von Verteilungseffekten, fiskalischen Auswirkungen sowie Veränderungen bei den Arbeitsanreizen.
Die Berechnungen basieren auf den aktuellen Koalitionsbeschlüssen sowie vorliegenden Gesetzentwürfen und Reformkonzepten in den Bereichen Steuerrecht, Renten-, Pflege- und Krankenversicherung, soweit diese über die regulären gesetzlichen Anpassungen hinausgehen. Dabei wird nicht berücksichtigt, dass höhere Rentenbeiträge zukünftig auch zu höheren Rentenleistungen führen, deren genaue Höhe jedoch schwer prognostizierbar ist.
Kontakt für wissenschaftliche Rückfragen
Prof. Dr. Holger Stichnoth
Leiter der Forschungsgruppe „Ungleichheit und Verteilungspolitik“ am ZEW
Telefon: +49 (0)621 1235-362
E-Mail: holger.stichnoth@zew.de
Weiterführende Information
DIE ZEIT – Reformrechner: Auswirkungen von Steuer- und Sozialversicherungsreformen auf das Einkommen




















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