Anstieg gleichgeschlechtlicher Eheschließungen in Brasilien: Angst vor Rechtsverlust nach Bolsonaros Wahl führt zu erhöhter Heiratsrate.

Anstieg gleichgeschlechtlicher Eheschließungen in Brasilien: Angst vor Rechtsverlust nach Bolsonaros Wahl führt zu erhöhter Heiratsrate.

Brasilien: Anstieg gleichgeschlechtlicher Eheschließungen aus Furcht vor Rechtsverlust

Nach der Präsidentschaftswahl Jair Bolsonaros im Jahr 2018 kam es in Brasilien zu einem vorübergehenden deutlichen Anstieg der Eheschließungen unter gleichgeschlechtlichen Paaren. Besonders ausgeprägt war dieser Effekt in Regionen mit hoher Wahlunterstützung für Bolsonaro, der zuvor mehrfach homophobe Äußerungen getätigt hatte. Dies belegt eine Studie der Universitäten Tübingen, Valencia sowie der Universität für Wirtschaft und Recht in Oestrich-Winkel, veröffentlicht im Journal of Population Economics.

Verhaltensänderung durch wahrgenommene Bedrohung

Mateus Maciel, Doktorand im Bereich Internationale Wirtschaftsbeziehungen und Arbeitsmärkte und Mitautor der Studie, erklärt, dass bereits die Angst vor einem möglichen Verlust von Rechten das Verhalten von Minderheiten beeinflussen kann – selbst wenn diese Befürchtung unbegründet ist und sich die Rechtslage nicht ändert. Die Betroffenen bewerten die potenziellen Kosten eines Verlustes des Ehe-Rechts höher als die Aufwendungen einer Eheschließung. Somit reicht eine geringe Wahrscheinlichkeit einer gesetzlichen Änderung aus, um eine kurzfristige Zunahme von Heiratsanträgen auszulösen.

Analyse auf Basis umfangreicher Daten

Die Untersuchung beruht auf Daten aus 4.905 brasilianischen Städten und Gemeinden und umfasst den Zeitraum von 36 Monaten vor bis 12 Monate nach der ersten Runde der Präsidentschaftswahl am 7. Oktober 2018. Laut Co-Autor David Zuchowski spiegelt die erste Wahlrunde die tatsächliche Präferenz der Wählerschaft wider, während spätere Runden strategische Entscheidungen beinhalten. Daraus ergab sich eine differenzierte Betrachtung der regionalen Unterstützung für Bolsonaro, die mit der Entwicklung der gleichgeschlechtlichen Eheschließungen korreliert wurde.

  • Im Vergleichsmonat September 2018 lag die Zahl der gleichgeschlechtlichen Eheschließungen auf einem stabilen Niveau.
  • Zwischen Oktober 2018 (Wahlmonat) und Januar 2019 (Amtsantritt Bolsonaros) stieg die Anzahl der Eheschließungen deutlich an.
  • Der stärkste Zuwachs erfolgte im Dezember 2018, kurz vor Amtsantritt.
  • In Gemeinden mit einem um zehn Prozentpunkte höheren Stimmenanteil für Bolsonaro verdoppelte sich die Zahl der gleichgeschlechtlichen Eheschließungen im Vergleich zum September 2018 nahezu (+85 %).

Unterschiede zwischen lesbischen und schwulen Paaren

Nach dem Amtsantritt Bolsonaros sank die Zahl der Eheschließungen wieder auf das vorherige Niveau, unterschritt dieses jedoch nicht. Die Studie interpretiert dies als spontane Entscheidung vieler Paare, die zuvor keine Heiratspläne hatten. Neben der Angst vor einem Verlust des Ehe-Rechts sehen die Forschenden auch wirtschaftliche und rechtliche Vorteile als Motiv. In Brasilien profitieren verheiratete Paare von verbesserten Sozialleistungen, Krankenversicherung, Erbschaftsrechten und Steuervorteilen gegenüber unverheirateten Paaren.

Die höhere Anzahl von Eheschließungen bei lesbischen Paaren im Vergleich zu schwulen Paaren während des Untersuchungszeitraums wird unter anderem mit einer tendenziell höheren Risikoscheu von Frauen erklärt, so Co-Autorin Sara Parente. Insgesamt verstärken beide Faktoren – wahrgenommene Bedrohung und ökonomische Absicherung – die Motivation zur Eheschließung.


Kontakt für wissenschaftliche Rückfragen

Mateus Maciel
Universität Tübingen
Fachbereich Internationale Wirtschaftsbeziehungen und Arbeitsmärkte
mateus.de-almeida-maciel@uni-tuebingen.de


Quelle der Studie

Mateus Maciel, Sara Parente, David Zuchowski: Rushing to the altar? Same-sex marriages when rights feel at risk. Journal of Population Economics 39, 49 (2026).
https://doi.org/10.1007/s00148-026-01193-9

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