RWI-Konjunkturbericht: Exportstarke Erholung trotz anhaltender struktureller Herausforderungen
Stand: 03.09.2026, 10:00 Uhr
Das RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung prognostiziert für die deutsche Volkswirtschaft im Jahr 2026 ein Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von 1,3 Prozent. Für 2027 wird ein Anstieg von 1,1 Prozent erwartet, gefolgt von einem moderaten Wachstum von 0,5 Prozent im Jahr 2028. Diese Einschätzungen liegen über den Prognosen vom Frühsommer, die für 2026 und 2027 jeweils 0,8 Prozent Wachstum vorsahen. Die positive Entwicklung im ersten Halbjahr ist vor allem auf eine starke Exportdynamik sowie erhöhte staatliche Ausgaben zurückzuführen, während die private Nachfrage weiterhin schwach bleibt.
Wirtschaftliche Entwicklung im ersten Halbjahr 2026
Im ersten Quartal 2026 stieg das BIP um 0,4 Prozent, gefolgt von einem weiteren Zuwachs von 0,3 Prozent im zweiten Quartal. Diese unerwartet robuste Erholung führte zu einer Anhebung der Wachstumsprognosen für die kommenden Jahre. Die Exporte konnten im ersten Quartal um 2,4 Prozent und im zweiten Quartal um 2,0 Prozent zulegen, wobei insbesondere die Nachfrage aus EU-Ländern und den USA deutlich zunahm. Die Entspannung im Handelskonflikt mit den USA trug zu dieser Entwicklung bei.
Exportdynamik und staatliche Impulse
Die anhaltend hohe Exportsteigerung wird vom RWI jedoch als vorübergehend eingeschätzt und vor allem auf kurzfristige Nachholeffekte nach Zollspannungen zurückgeführt. Eine nachhaltige Verbesserung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit deutscher Unternehmen ist bislang nicht erkennbar. Neben den Exporten wirkten sich auch erhöhte staatliche Ausgaben positiv auf die Konjunktur aus. Die erweiterten Verschuldungsspielräume und Mittel aus Sondervermögen führten zu einem Anstieg des öffentlichen Konsums und der Investitionen.
Schwache private Nachfrage und Investitionen
Die Erholung zeigt sich bislang nur begrenzt bei Unternehmen und privaten Haushalten. Die privaten Ausrüstungsinvestitionen gingen im zweiten Quartal erneut zurück, obwohl steigende Auftragseingänge und eine bessere Kapazitätsauslastung erste positive Signale senden. Hohe Energiepreise sowie strukturelle Standortnachteile hemmen jedoch einen kräftigen Investitionsaufschwung. Auch der private Konsum entwickelt sich verhalten, da die angespannte Lage auf dem Arbeitsmarkt und Einkommensunsicherheiten die Konsumbereitschaft dämpfen.
Auswirkungen von Niedrigwasser auf Industrie und Bau
Die sommerliche Trockenheit und hohe Temperaturen führten zu niedrigen Wasserständen in Rhein und anderen Flüssen, was die Binnenschifffahrt beeinträchtigte. Frachtschiffe mussten teilweise mit reduzierter Ladung fahren, was insbesondere in der Chemie- und Stahlindustrie sowie im Baugewerbe zu Engpässen bei Vorprodukten und steigenden Transportkosten führte. Trotz dieser Herausforderungen zeigte sich das verarbeitende Gewerbe insgesamt robust, mit einem Produktionsanstieg vor allem in den Bereichen chemische Erzeugnisse und elektrische Ausrüstungen. Die Wertschöpfung im Verarbeitenden Gewerbe stieg im zweiten Quartal um 0,9 Prozent. Für 2026 wird ein Gesamtwachstum von 1,9 Prozent erwartet, 2027 soll es um 2,1 Prozent zulegen.
Arbeitsmarkt und Inflation
Der Arbeitsmarkt bleibt unter Druck: Die Zahl der Erwerbstätigen sank im ersten Halbjahr um etwa 100.000 Personen. Neben einer schwachen Arbeitsnachfrage belastet zunehmend die demografische Entwicklung. Erst mit einer weiteren wirtschaftlichen Erholung wird eine Stabilisierung und anschließend ein leichter Anstieg der Beschäftigung erwartet.
Die Inflationsrate wird für 2026 auf 2,7 Prozent geschätzt. Die Kerninflation dürfte 2027 mit 3,4 Prozent deutlich über der Gesamtinflation von 2,6 Prozent liegen, bedingt durch die Auswirkungen des Kriegs im Iran sowie Schwankungen bei den Energiepreisen. Erst 2028 wird eine Inflation im Zielkorridor der Europäischen Zentralbank von circa zwei Prozent erwartet.
Risiken und Ausblick
Die Indikatoren deuten auf eine Fortsetzung der wirtschaftlichen Belebung im dritten und vierten Quartal hin, allerdings wird ein allmähliches Nachlassen der Dynamik erwartet. Wesentliche Risiken bestehen in einer möglichen Eskalation am Persischen Golf sowie in steigenden Kapitalmarktzinsen, die Investitionen verteuern und den Konsum bremsen könnten. Auch die wirtschaftspolitische Ausgestaltung in Deutschland bleibt ein Unsicherheitsfaktor.
Torsten Schmidt, Leiter der Konjunkturforschung am RWI, betont, dass die Investitionsbereitschaft der Unternehmen maßgeblich von politischen Reformen abhängt. Eine umfassende Modernisierungsagenda könnte die Rahmenbedingungen verbessern und das Wachstum nachhaltig fördern. Staatliche Ausgaben allein seien hierfür nicht ausreichend.
Kontakt und weiterführende Informationen
- Wissenschaftlicher Ansprechpartner: Prof. Dr. Torsten Schmidt, torsten.schmidt@rwi-essen.de, Tel.: (0201) 8149-287
- Originalpublikation: RWI-Konjunkturbericht 3/2026 (PDF)




















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