Zertifikate für CO2-Entnahme als Instrument zur Stabilisierung des CO2-Preises und Entlastung der Industrie
Die Umstellung der Industrie von fossilen Brennstoffen wie Öl und Gas gestaltet sich weiterhin schwierig. Die geplante Verringerung der CO2-Emissionsrechte im europäischen Emissionshandelssystem (EU ETS) könnte zu erheblichen Kostensteigerungen führen. Gleichzeitig verzögert sich der Ausbau der notwendigen klimafreundlichen Infrastruktur, was die Umrüstung zusätzlich erschwert. Ein aktuelles Kurzdossier des vom Bundesforschungsministerium geförderten Kopernikus-Projekts Ariadne zeigt, dass die Einbindung von Kohlenstoffdioxid-Entnahme (Carbon Dioxide Removal, CDR) in den Emissionshandel als ein wirksames Sicherheitsventil dienen kann. Bereits eine begrenzte Menge an CDR-Zertifikaten kann den Anstieg des CO2-Preises abmildern, ohne die Erreichung der EU-Klimaziele zu gefährden.
Hintergrund und Herausforderungen
Im Hinblick auf das Ziel der EU, bis 2050 Klimaneutralität zu erreichen, stehen besonders schwer elektrifizierbare Industriebereiche vor der Herausforderung, unvermeidbare CO2-Emissionen zu reduzieren. Hierfür sind zwei Hauptstrategien entscheidend:
- Abscheidung und Speicherung von CO2 (Carbon Capture and Storage, CCS)
- Erhöhter Einsatz von Wasserstoff als alternativer Energieträger
Der Aufbau der erforderlichen Infrastruktur, wie CO2-Abscheideanlagen, Elektrolyseure, Transportnetze und Speicher, verzögert sich jedoch deutlich. Dies führt zu einer anhaltend hohen Nachfrage nach Emissionszertifikaten im EU ETS, während das Angebot im Einklang mit den Klimazielen jährlich reduziert wird. Modellrechnungen von Aurora Energy Research in Zusammenarbeit mit dem Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) und der Hochschule Konstanz zeigen, dass der CO2-Preis aufgrund dieser Verzögerungen bis zu 77 % höher ausfallen könnte als in einem optimistischen Basisszenario.
Frank Best von der Hochschule Konstanz, Hauptautor der Studie, warnt: „Ohne rechtzeitige Bereitstellung der notwendigen Infrastruktur drohen starke CO2-Preisspitzen, die die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie und die politische Unterstützung für den europäischen Clean Industrial Deal gefährden.“
Integration von CO2-Entnahme-Zertifikaten als Lösungsansatz
Die Studie verdeutlicht, dass die Einführung von Zertifikaten für dauerhafte CO2-Entnahme als zusätzliche Option im EU ETS der Industrie mehr Flexibilität verschafft. Unternehmen, die CO2 aus der Atmosphäre entfernen, erhalten entsprechende Zertifikate, die sie an andere Unternehmen verkaufen können, die weiterhin Emissionen verursachen.
Technologisch kann dies beispielsweise durch Luftfilteranlagen oder den Anbau schnell wachsender Biomasse erfolgen, deren Verbrennung mit anschließender CO2-Abscheidung und Speicherung erfolgt. Besonders der Chemiesektor, der in Szenarien mit Engpässen am stärksten belastet ist, könnte von diesem Mechanismus profitieren.
Darius Sultani vom PIK betont, dass diese Zertifikate nicht als Freifahrtschein missverstanden werden dürfen: „Solange die Rahmenbedingungen für klimafreundliche Industrieprojekte bestehen, bleiben die Investitionsanreize für eine saubere Industrie erhalten.“ Zudem sollte die Förderung von CO2-Entnahme mit dem Ausbau von grünem Wasserstoff und CO2-Transportinfrastruktur kombiniert werden.
Effekte einer frühzeitigen Einführung
Die Analyse zeigt, dass eine glaubwürdige Ankündigung der Einführung von CO2-Entnahme-Zertifikaten ab Mitte der 2030er Jahre bereits heute preisdämpfend wirken kann. Im Szenario einer linearen Einführung ab 2035 mit einem jährlichen Maximum von 40 Millionen Tonnen CO2 bis 2039 würde der CO2-Preis nur noch um 27 % über dem Basisszenario liegen. Ein früherer Start ab 2030 mit einem Maximum von 80 Millionen Tonnen pro Jahr könnte den Preisanstieg sogar vollständig kompensieren.
CO2-Entnahme-Zertifikate als Ergänzung, nicht Ersatz
Aktuell fließen weniger als 5 % der Einnahmen aus dem EU ETS direkt in die industrielle Dekarbonisierung. Die Forschenden empfehlen, diese Mittel künftig gezielter für CO2-Abscheidung, -Speicherung und Wasserstoffinfrastruktur einzusetzen, um den Preisdruck zu verringern. Zudem könnte die Marktstabilitätsreserve des Emissionshandels auch für CDR-Zertifikate zusätzliche Stabilität bieten, was noch weiter untersucht werden muss.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass CO2-Entnahme-Zertifikate kein Ersatz für Klimaschutzmaßnahmen darstellen, jedoch einen wichtigen Beitrag leisten können, um den wirtschaftlichen Übergang zu einer klimaneutralen Industrie abzusichern.
Kontaktinformationen der wissenschaftlichen Ansprechpartner
- Darius Sultani, Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) – darius.sultani@pik-potsdam.de
Pressekontakte
- Maria Bader, Leitung Kommunikation Ariadne, PIK – Telefon: +49 (0)30 3385537 365, E-Mail: ariadne-presse@pik-potsdam.de
- Celine Koch, Kommunikation Ariadne, PIK – Telefon: +49 (0)30 3385537 361, E-Mail: ariadne-presse@pik-potsdam.de
- Ariadne-Geschäftsstelle, PIK – E-Mail: ariadne-geschaeftsstelle@pik-potsdam.de
Über das Kopernikus-Projekt Ariadne
Das Konsortium aus 26 wissenschaftlichen Partnern des Kopernikus-Projekts Ariadne begleitet einen gemeinsamen Lernprozess mit Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Ziel ist die Erforschung von Optionen für die Energiewende und die Bereitstellung fundierter Entscheidungsgrundlagen für politische Akteure.
Veröffentlichungen
- Englische Originalfassung: A Safety Valve for the EU ETS endgame: Containing Prices through Carbon Dioxide Removal, 2026, Kopernikus-Projekt Ariadne, Potsdam.
- Deutsche Zusammenfassung: Ein Sicherheitsventil für die Endphase des EU-Emissionshandelssystems: Preisstabilisierung durch die Entfernung von Kohlendioxid, 2026, Kopernikus-Projekt Ariadne, Potsdam.
Weitere Informationen
Weitere Details zum Projekt finden Sie unter https://ariadneprojekt.de/. Folgen Sie dem Projekt auf Bluesky unter @ariadneprojekt.bsky.social sowie auf LinkedIn unter @Kopernikus-Projekt Ariadne.




















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