Lohnfortzahlung beeinflusst das Verhalten bei Krankheit am Arbeitsplatz
Eine europaweite Untersuchung zeigt, dass großzügige Regelungen zur Lohnfortzahlung mit einem geringeren Präsentismus einhergehen. Präsentismus beschreibt das Phänomen, dass Beschäftigte trotz gesundheitlicher Beschwerden zur Arbeit erscheinen.
Studie zu Lohnfortzahlung und Präsentismus in 35 europäischen Ländern
Ein Forschungsteam unter Leitung von Prof. Dr. Marvin Reuter von der Universität Bamberg analysierte Daten von rund 20.000 Beschäftigten aus 35 europäischen Staaten. Die Untersuchung verknüpfte individuelle Angaben zum Präsentismus mit den jeweiligen nationalen gesetzlichen Regelungen zur Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. Länder wurden als großzügig eingestuft, wenn Arbeitnehmer ab dem ersten Krankheitstag mindestens 80 Prozent ihres Gehalts für mindestens zwei Wochen erhalten.
Ergebnisse und länderspezifische Unterschiede
- In Staaten mit großzügiger Lohnfortzahlung ist der Anteil der Krankheitstage, an denen Beschäftigte trotz Beschwerden arbeiten, im Durchschnitt um acht Prozentpunkte niedriger als in Ländern mit weniger umfangreichen Regelungen.
- Deutliche Unterschiede zeigen sich zwischen den Ländern: In Deutschland arbeiten Beschäftigte an etwa 21 Prozent ihrer Krankheitstage trotz Beschwerden weiter, während der Anteil in Spanien, Frankreich und Großbritannien über 55 Prozent liegt.
- Die Ausgestaltung der Lohnfortzahlung trägt neben weiteren Faktoren erheblich zu diesen Unterschieden bei.
Einfluss finanzieller Aspekte auf das Arbeitsverhalten
Prof. Dr. Reuter betont, dass finanzielle Einbußen eine wesentliche Rolle bei der Entscheidung spielen, krank zur Arbeit zu gehen. Besonders betroffen sind ältere Beschäftigte, Personen mit finanziellen Schwierigkeiten sowie Arbeitnehmer in ungelernten Tätigkeiten. Zudem ist der Einfluss der Lohnfortzahlung in Branchen wie der Industrie und der öffentlichen Verwaltung stärker ausgeprägt.
Implikationen für die gesundheitspolitische Diskussion
Die Studie weist darauf hin, dass gesundheitspolitische Debatten über Lohnfortzahlung nicht nur Fehlzeiten, sondern auch die Folgen von Präsentismus berücksichtigen sollten. Das Arbeiten trotz Krankheit kann die Genesung verzögern, langfristige gesundheitliche Schäden verursachen und insbesondere bei ansteckenden Krankheiten das Risiko einer Weiterverbreitung erhöhen.
Publikation und Kontakt
Die Ergebnisse wurden im European Journal of Public Health veröffentlicht und sind frei zugänglich.
Wissenschaftlicher Ansprechpartner:
Prof. Dr. Marvin Reuter
Juniorprofessur für Soziologie, insbesondere Arbeit und Gesundheit
marvin.reuter@uni-bamberg.de
Originalpublikation:
Reuter, M., Gau, T., Meyer, S.-C. & Ruhle, S. A. (2026). Variation in presenteeism by generosity of statutory sick pay: a multilevel analysis in 35 European countries. European Journal of Public Health, 36(4). DOI: https://doi.org/10.1093/eurpub/ckag093




















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