Europäische Standards für den digitalen Produktpass veröffentlicht
Auf der internationalen Fachkonferenz DPP4EU 2026, die vom 1. bis 3. Juni in Brüssel stattfindet, werden die neuen europäischen technischen Standards für den digitalen Produktpass (DPP) vorgestellt. Das Fraunhofer-Institut für Produktionsanlagen und Konstruktionstechnik IPK hat bei der Entwicklung dieser Normen eine zentrale Rolle gespielt und unterstützt nun Unternehmen und Verbände bei der praktischen Umsetzung.
Verzahnte Standards für verschiedene Produktkategorien
Der digitale Produktpass begann mit dem Batteriepass, der 2023 im Rahmen der EU-Batterieverordnung eingeführt wurde. In den kommenden Jahren sollen weitere Produktgruppen wie Textilien, Elektronik, Möbel und Baumaterialien folgen. Ziel ist es, verlässliche Informationen über den gesamten Lebenszyklus eines Produkts bereitzustellen – von der Herstellung über die Nutzung bis hin zur Wiederverwertung.
Um dies zu gewährleisten, müssen die technischen Normen ein durchgängiges und interoperables System bilden. Prof. Dr.-Ing. Thomas Knothe, Leiter der Abteilung Geschäftsprozess- und Fabrikmanagement am Fraunhofer IPK und Vorsitzender des Joint Technical Committee 24 (JTC 24) von CEN und CENELEC, hat die interoperable Grundstruktur der Standards maßgeblich mitentwickelt. Dadurch sind die einzelnen technischen Normen technologieunabhängig und kompatibel gestaltet.
„Die technischen Standards für den DPP sind nun vorhanden und schaffen Transparenz für Verbraucher, Industrie und Behörden. Ein Standard allein reicht jedoch nicht aus. Entscheidend ist jetzt die praktische Umsetzung durch konkrete Implementierungen, offene Werkzeuge und branchenspezifische Referenzlösungen, die Unternehmen den Einstieg erleichtern“, erklärt Thomas Knothe.
Open-Source-Lösungen zur Förderung der Umsetzung
Um Unternehmen den Zugang zu erleichtern, hat das Fraunhofer IPK gemeinsam mit Partnern wie der GEFEG mbH und der Technischen Universität Berlin Open-Source-Testsysteme entwickelt. Diese ermöglichen es Organisationen, ihre DPP-Implementierungen zu überprüfen und zu validieren. Zusätzlich wurden branchenspezifische Referenzsysteme, beispielsweise für Batterien, geschaffen, die als Orientierungshilfe für Verbände und Unternehmen dienen. Laut Knothe beschleunigen diese Systeme den Aufbau um das Fünffache im Vergleich zu herkömmlichen Methoden.
Auf der DPP4EU-Konferenz wird dieses Thema am ersten Tag im Stream zur Standardisierung behandelt. Thomas Knothe führt gemeinsam mit Martin Schreck und Thomas Rödding die Session „JTC 24 Standards Applicable for Everyone – Open Source Implementation of Essential Parts“, in der die offene Umsetzung der Standards diskutiert wird.
Am Nachmittag folgen Präsentationen von Systemanbietern in der Session „Solutions for Challenges“. Dort werden technische Lösungen vorgestellt, die Unternehmen sowohl wirtschaftliche Vorteile als auch Konformität ermöglichen. Vorgestellt werden unter anderem das GS1-Ökosystem, die DPP4.0 basierend auf der Asset Administration Shell sowie eine Testumgebung für den EU Battery Passport. Diese Beispiele zeigen die praktische Anwendung der JTC-24-Standards.
Internationale Harmonisierung für globale Interoperabilität
Der digitale Produktpass entfaltet seine Wirkung nur, wenn er über Grenzen hinweg funktioniert. Daher engagiert sich Thomas Knothe als Vorsitzender des JTC 24 auch in der globalen Standardisierung unter ISO und IEC. Das Abschluss-Panel des ersten Konferenztages widmet sich der internationalen Harmonisierung. Neben Vertretern von UN/CEFACT, DIN, DKE und BASF diskutieren sie über die notwendigen Prinzipien zur Sicherstellung der Interoperabilität europäischer DPP-Lösungen weltweit.
Zukunftsperspektiven und praktische Anwendungen
Am zweiten Tag der Konferenz stehen Herausforderungen, Chancen und praktische Plattformlösungen im Fokus. Den Abschluss bildet am 3. Juni eine hochrangige Podiumsdiskussion zur Zukunft des digitalen Produktpasses, an der neben Thomas Knothe auch Vertreter der Europäischen Kommission teilnehmen und die nächsten Schritte skizzieren.
Das Fraunhofer IPK betrachtet den digitalen Produktpass nicht als Endpunkt, sondern als Ausgangspunkt für globale Produktdatenökosysteme. Der offene Ansatz bei Test- und Referenzsystemen ist eine bewusste strategische Entscheidung, um Unternehmen und Verbrauchern zugutekommen. „Der DPP wird so zu einem Instrument zur Effizienzsteigerung und einem Business Enabler für Industrie und Handel“, erläutert Knothe. Aktuell arbeitet sein Team an einer KI-gestützten DPP-Lösung zur Sanierung von Elektroinstallationen in Gebäuden, die Handwerksbetrieben eine effiziente, sichere und nachhaltige Vorgehensweise ermöglicht. Angesichts von etwa 14 Millionen energetisch sanierungsbedürftigen Häusern in Deutschland ist der Bedarf deutlich erkennbar.
Grundlagen zum digitalen Produktpass
Ein digitaler Produktpass stellt produktspezifische Daten bereit, die Informationen über Bestandteile wie Komponenten, Materialien und chemische Substanzen enthalten. Darüber hinaus können lebenszyklusrelevante und nachhaltigkeitsbezogene Angaben, etwa zur Reparierbarkeit, Ersatzteilen oder fachgerechten Entsorgung, integriert sein. Weitere Informationen finden sich unter https://www.ipk.fraunhofer.de/digitaler-produktpass.
Informationen zur DPP4EU-Konferenz 2026
Die DPP4EU 2026 findet vom 1. bis 3. Juni in Brüssel statt und versammelt Forschende, Industrievertreter, politische Entscheidungsträger und Normungsexperten aus ganz Europa. Weitere Details sind verfügbar unter https://digipassforum.eu/.
Über das Joint Technical Committee 24 (JTC 24)
Das JTC 24 von CEN und CENELEC ist das zentrale europäische Gremium für die Normung des digitalen Produktpasses. Es entwickelt technische Standards für eine einheitliche und interoperable Umsetzung des DPP in der Europäischen Union.
Wissenschaftlicher Ansprechpartner
Prof. Dr.-Ing. Thomas Knothe
Tel.: +49 30 39006-195
E-Mail: thomas.knothe@ipk.fraunhofer.de




















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