Wöchentliche Arbeitszeitreform: Forschung warnt vor gesundheitlichen Risiken und negativen Effekten auf Erwerbsbeteiligung von Frauen

Wöchentliche Arbeitszeitreform: Forschung warnt vor gesundheitlichen Risiken und negativen Effekten auf Erwerbsbeteiligung von Frauen

Arbeitszeitdebatte: Analyse aktueller Forschungsergebnisse

Die Bundesregierung plant eine Reform der Arbeitszeitregelungen, bei der die maximale Arbeitszeit künftig nicht mehr täglich, sondern wöchentlich begrenzt werden soll. Ein entsprechender Gesetzentwurf wird für Juni erwartet. Im Folgenden werden zentrale wissenschaftliche Erkenntnisse zu den möglichen Auswirkungen längerer Arbeitszeiten zusammengefasst.

Ziele der Bundesregierung und kritische Einschätzung

Die Initiative der Bundesregierung verfolgt mehrere Ziele: die Förderung wirtschaftlicher Impulse, die Erhöhung der Flexibilität für Arbeitgeber und Beschäftigte sowie die Sicherung des Arbeitsvolumens trotz demografischer Veränderungen. Wissenschaftliche Untersuchungen der Hans-Böckler-Stiftung zweifeln jedoch an der Erreichbarkeit dieser Ziele.

  • Eine weitgehende Lockerung der täglichen Arbeitszeit, die Arbeitstage von über zwölf Stunden ermöglicht, könnte bestehende gesundheitliche Probleme verschärfen und somit das Arbeitsvermögen beeinträchtigen.
  • Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie würde sich verschlechtern, was insbesondere die Erwerbsbeteiligung von Frauen negativ beeinflusst.
  • Eine Umfrage des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) zeigt, dass knapp 75 % der Beschäftigten negative Auswirkungen auf Erholung, Gesundheit und Alltagsorganisation befürchten, wenn Arbeitstage länger als zehn Stunden werden. Frauen erwarten diese Effekte häufiger als Männer, was auf die zusätzliche unbezahlte Sorgearbeit zurückzuführen ist.
  • Weniger als 10 % der Befragten sehen mögliche Vorteile durch längere Arbeitstage.

Dr. Amélie Sutterer-Kipping vom Hugo Sinzheimer Institut (HSI) resümiert, dass eine solche Deregulierung, welche arbeitsmedizinische Erkenntnisse und soziale Realitäten ignoriert, wirtschaftlich kontraproduktiv sein könnte. Sie würde Fortschritte bei Erwerbstätigkeit und Arbeitsvolumen behindern und gesundheitliche sowie demografische Probleme verschärfen.

Aktuelle Flexibilität der Arbeitszeiten

Das derzeitige Arbeitszeitgesetz erlaubt bereits eine erhebliche Flexibilität. Die tägliche Arbeitszeit kann ohne besonderen Anlass auf bis zu zehn Stunden verlängert werden, sofern innerhalb von sechs Monaten ein Ausgleich erfolgt. Zudem sind branchenspezifische Ausnahmen möglich, die durch Tarifverträge, Betriebsvereinbarungen oder behördliche Genehmigungen geregelt werden müssen.

Eine Untersuchung des WSI zeigt, dass die Kombination aus gesetzlichen Vorgaben und tariflichen Regelungen eine ausgewogene Vermittlung der Interessen von Arbeitgebern und Beschäftigten ermöglicht. Allerdings nutzen nicht alle Unternehmen diese Möglichkeiten, sondern entziehen sich zunehmend Tarifverträgen.

Die WSI-Befragung ergab außerdem, dass 12 % der Beschäftigten an einzelnen Tagen länger als zehn Stunden arbeiten und 38 % gelegentlich abends nach 19 Uhr ihre Arbeit wieder aufnehmen. Die Studienautorinnen Dr. Yvonne Lott und Dr. Eileen Peters kommen daher zu dem Schluss, dass die Abschaffung der täglichen Höchstarbeitszeit weder notwendig noch sinnvoll ist.

Folgen der geplanten Deregulierung

Mit der geplanten Reform könnten Arbeitstage von bis zu zwölf Stunden und 15 Minuten zulässig werden, nach Abzug der gesetzlichen Ruhezeiten. In bestimmten Branchen wie Krankenhäusern oder Gaststätten ist sogar eine Verkürzung der Ruhezeit auf zehn Stunden vorgesehen, was Arbeitstage von über 13 Stunden ermöglichen würde.

Wunsch nach Flexibilität aus Sicht der Beschäftigten

  • Der DGB-Index „Gute Arbeit“ zeigt, dass 98 % der Beschäftigten weniger als zehn Stunden täglich arbeiten möchten und 72 % eine maximale Arbeitszeit von acht Stunden pro Tag bevorzugen. Dennoch arbeiten 43 % häufig länger als acht Stunden, von denen 59 % ihren Arbeitstag gerne verkürzen würden.
  • 95 % der Beschäftigten wünschen sich, spätestens um 18 Uhr Feierabend zu machen. Dies bestätigt auch eine WSI-Studie aus 2023, die zeigt, dass Arbeit am Abend die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben beeinträchtigt.
  • „Fragmentierte“ Arbeitstage, bei denen die Arbeit nach einer Unterbrechung am Abend wieder aufgenommen wird, erhöhen Stress und Zeitdruck, insbesondere bei Frauen.
  • Unplanbare Arbeitszeiten erschweren die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, was besonders Frauen mit Sorgeverantwortung betrifft. Lange Arbeitszeiten wirken sich zudem negativ auf die Work-Life-Balance von Partnern aus.

EU-Arbeitszeitrichtlinie und ihre Umsetzung in Deutschland

Die EU-Richtlinie sieht eine wöchentliche Höchstarbeitszeit von 48 Stunden vor. Deutschland hat jedoch Ausgleichszeiträume von bis zu sechs Monaten eingeführt, wodurch kurzfristig deutlich längere Arbeitswochen möglich sind – theoretisch bis zu 73,5 Stunden bei sechs Arbeitstagen à 12,25 Stunden. Arbeitsmedizinische Studien belegen, dass solche langen Arbeitszeiten mit erhöhten Gesundheitsrisiken und Unfallgefahren verbunden sind.

Gesundheitliche Risiken bei langen Arbeitszeiten

  • Langfristig treten vermehrt stressbedingte Erkrankungen auf, darunter Burnout, Erschöpfungszustände sowie Herz-Kreislauf-Erkrankungen.
  • Psychische Erkrankungen sind zunehmend Ursache für Fehlzeiten und vorzeitigen Ausstieg aus dem Erwerbsleben; die durchschnittliche Krankheitsdauer lag 2023 bei 33 Tagen.
  • Das Unfallrisiko am Arbeitsplatz steigt ab der achten Arbeitsstunde exponentiell an und verdoppelt sich nach zwölf Stunden im Vergleich zu acht Stunden.
  • Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) weist auf Leistungsabfälle und Ermüdung bei sehr langen Arbeitszeiten hin, was die Produktivität beeinträchtigen kann.

Arbeitszeiten im internationalen Vergleich

Obwohl Befürworter einer Deregulierung oft auf die vergleichsweise geringe Jahresarbeitszeit in Deutschland verweisen, sind die OECD-Daten für direkte Länder-Vergleiche aufgrund unterschiedlicher Erhebungsmethoden nur eingeschränkt aussagekräftig. Zudem ist die Erwerbstätigenzahl in Deutschland seit 2015 um 6,6 % gestiegen, was das Arbeitsvolumen erhöht.

Die Erwerbsquote von Frauen ist zwischen 1991 und 2022 um 16 Prozentpunkte auf 73 % gestiegen, liegt damit über dem EU-Durchschnitt von 66 %. Allerdings arbeitet fast die Hälfte der erwerbstätigen Frauen in Teilzeit, was die durchschnittliche Jahresarbeitszeit senkt.

Die durchschnittliche Wochenarbeitszeit von Vollzeitbeschäftigten in Deutschland entspricht mit 40,2 Stunden nahezu dem EU-Durchschnitt von 40,3 Stunden. Teilzeitbeschäftigte arbeiten hierzulande durchschnittlich 21,8 Stunden pro Woche, im EU-Durchschnitt 22 Stunden.

Arbeitszeiten in der Schweiz als Vergleich

In der Schweiz ist die Vollzeit-Arbeitszeit hoch, gleichzeitig gibt es einen hohen Anteil an Teilzeitbeschäftigten, insbesondere bei Frauen (58,4 % im Jahr 2024). Dies zeigt, dass eine hohe Vollzeitnorm mit einem hohen Teilzeitanteil einhergeht. In Deutschland ist der Anteil der Teilzeitbeschäftigten bei Männern und Frauen niedriger.

Besondere Herausforderungen für Frauen

Frauen leisten im Durchschnitt wöchentlich acht Stunden mehr unbezahlte Sorgearbeit als Männer, was ihre Gesamtarbeitszeit verlängert. Eine Aufweichung des Arbeitszeitgesetzes würde die Situation verschärfen, da längere und unplanbare Arbeitstage die Vereinbarkeit von Beruf und Familie erschweren.

Auswirkungen der Abschaffung von Feiertagen

Empirische Untersuchungen zeigen keine Hinweise darauf, dass das Streichen von Feiertagen das Wirtschaftswachstum fördert. In mehreren Fällen entwickelten sich Bundesländer mit beibehaltenen oder neu eingeführten Feiertagen wirtschaftlich besser. Die Annahme, dass weniger Feiertage automatisch zu mehr Wachstum führen, wird als zu einfach bewertet.

Verbesserungspotenziale für die Vereinbarkeit von Beruf und Sorgearbeit

  • Mehr Einfluss der Beschäftigten auf die Gestaltung ihrer Arbeitszeit („Arbeitszeitsouveränität“) wird als zentral angesehen, wird im Koalitionsvertrag jedoch nicht ausreichend berücksichtigt.
  • Teilzeitarbeit sollte freiwillig sein und eine eigenständige Existenzsicherung ermöglichen. Die 2019 eingeführte Brückenteilzeit ist ein erster Schritt, jedoch bestehen weiterhin Einschränkungen.
  • Der Ausbau und die Verlässlichkeit der institutionellen Kinderbetreuung sind entscheidend. Aktuell sind viele Eltern von Kürzungen oder Schließungen betroffen, was die Vereinbarkeit erschwert.
  • Eine gerechte Verteilung der unbezahlten Sorgearbeit zwischen Männern und Frauen ist notwendig, um die Erwerbsarbeitszeit von Müttern zu erhöhen.

Empfehlungen für die Gesetzgebung im Arbeitszeitrecht

Die Bundesregierung beruft sich auf die EU-Arbeitszeitrichtlinie, die eine wöchentliche Höchstarbeitszeit vorsieht. Allerdings verstößt das deutsche Arbeitszeitgesetz an mehreren Stellen gegen Mindeststandards der Richtlinie.

Obwohl der Europäische Gerichtshof seit 2019 die verpflichtende Erfassung aller Arbeitszeiten vorschreibt, fehlt es in Deutschland an einer verbindlichen und manipulationssicheren Regelung zur Arbeitszeiterfassung. Viele Unternehmen erfassen die Arbeitszeiten nicht vollständig, und Sanktionen sind derzeit nicht durchsetzbar. Hier besteht dringender gesetzgeberischer Handlungsbedarf.

Kontakt für wissenschaftliche Rückfragen

Rainer Jung
Leiter Pressestelle
Telefon: 0211-7778-150
E-Mail: Rainer-Jung@boeckler.de

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