Unterschätzung der Kaufkraftentwicklung führt zu Konsumzurückhaltung und Vertrauensverlust
Zwischen 2021 und 2023 haben die COVID-19-Pandemie sowie der Krieg in der Ukraine die Inflation deutlich angetrieben, was zu einem Rückgang der real verfügbaren Einkommen führte. Durch Tarifsteigerungen, Erhöhungen des Mindestlohns, Rentenanpassungen und eine Abschwächung der Teuerungsrate konnte das durchschnittliche Einkommensminus inzwischen ausgeglichen werden.
Die Wahrnehmung in der Bevölkerung fällt jedoch deutlich pessimistischer aus: Rund 60 Prozent der Befragten schätzten ihre Kaufkraft Ende 2025 weiterhin als geringer ein als vor Beginn der Inflation. Dies erzeugt Sorgen um die zukünftige Entwicklung der Lebenshaltungskosten, führt zu Konsumverzicht und fördert ein Misstrauen gegenüber der Bundesregierung. Diese Erkenntnisse stammen aus einer Analyse des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der Hans-Böckler-Stiftung.
Methodik der Untersuchung
Die IMK-Wissenschaftler Dr. Jan Behringer und Lukas Endres werteten für ihre Studie Daten einer repräsentativen Online-Befragung aus, an der im November 2025 etwa 7.000 Personen im Alter von 18 bis 75 Jahren teilnahmen. Die Stichprobe wurde hinsichtlich Alter, Geschlecht, Bundesland und Haushaltseinkommen quotiert, um eine repräsentative Abbildung der Bevölkerung zu gewährleisten.
Ergebnisse der Studie
- Es besteht eine deutliche Diskrepanz zwischen der objektiven Entwicklung der realen Einkommen und deren subjektiver Wahrnehmung. Obwohl die inflationsbedingten Verluste im Durchschnitt bereits 2024 ausgeglichen wurden, fühlen sich die meisten Befragten schlechter gestellt.
- Nur 11 Prozent der Teilnehmer gaben an, ihre Kaufkraft sei höher als vor fünf Jahren, während 30 Prozent keine Veränderung feststellen und 59 Prozent von einer Verschlechterung ausgehen.
- Ein möglicher Grund für diese Wahrnehmung liegt in der starken Verteuerung von Gütern des täglichen Bedarfs. Seit 2020 stiegen die Preise für Wohnenergie um 47 Prozent, für Lebensmittel und Restaurantbesuche jeweils um über 30 Prozent.
- Fast die Hälfte der Befragten empfindet die erhöhten Kosten für Wohnenergie (47 Prozent), Lebensmittel (44 Prozent) und Restaurantbesuche (42 Prozent) als erhebliche Belastung.
- Preisanstiege bei seltener gekauften Gütern fallen demgegenüber weniger ins Gewicht.
Auswirkungen auf Konsumverhalten und politische Einstellung
- Die Wahrnehmung einer verminderten Kaufkraft beeinflusst die Erwartungen: 55 Prozent derjenigen, die sich finanziell schlechter gestellt sehen, äußern große Sorgen bezüglich der zukünftigen Lebenshaltungskosten. Unter denjenigen mit unveränderter oder gestiegener Kaufkraft sind es lediglich 16 beziehungsweise 22 Prozent.
- Diese Befürchtungen führen häufig zu einer Reduktion der Konsumausgaben, um finanzielle Reserven zu sichern. Ende 2025 planten viele Befragte, ihren Konsum zu verringern, insbesondere in Bereichen wie Freizeit, Unterhaltung und Kultur (68 Prozent der besorgten Gruppe).
- Auch bei Reisen und Tourismus zeigten sich ähnliche Tendenzen: 67 Prozent derjenigen mit großen Sorgen beabsichtigten, ihren Konsum einzuschränken.
- Die eingeschränkte Kaufkraftwahrnehmung wirkt sich zudem negativ auf das Vertrauen in die Bundesregierung aus. Fast 80 Prozent derjenigen mit gefühltem Kaufkraftverlust äußerten Unzufriedenheit mit der Regierung, 35 Prozent hatten kein Vertrauen in deren Arbeit.
Schlussfolgerungen
Die Analyse liefert eine plausible Erklärung für die anhaltende Schwäche des privaten Konsums trotz wiederhergestellter Realeinkommen. Sie unterstreicht die Bedeutung gezielter Maßnahmen zur Begrenzung starker Preissteigerungen, vor allem bei Produkten des täglichen Bedarfs, die für die subjektive Wahrnehmung der Kaufkraft besonders relevant sind. Aktuell betrifft dies beispielsweise die Kraftstoffpreise, die infolge des Iran-Kriegs deutlich gestiegen sind.
Kontaktinformationen der wissenschaftlichen Ansprechpartner
- Dr. Jan Behringer
Experte für Makroökonomie der Einkommensverteilung, IMK
Telefon: 0211-7778-334
E-Mail: Jan-Behringer@boeckler.de - Lukas Endres
IMK
E-Mail: Lukas-Endres@boeckler.de - Rainer Jung
Leiter Pressestelle
Telefon: 0211-7778-150
E-Mail: Rainer-Jung@boeckler.de
Originalpublikation
Behringer, Jan; Endres, Lukas: „Gefühlte Kaufkraftverluste belasten privaten Konsum und Vertrauen in die Regierung – Erkenntnisse aus einer Online-Umfrage“, IMK Policy Brief Nr. 218, Juli 2026. Verfügbar unter: https://www.boeckler.de/de/faust-detail.htm?produkt=HBS-009428




















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