Niedriglohnarbeiter oft ohne Tarifschutz: Nur 34% tarifgebunden, Rückgang der Tarifbindung gefährdet Lohnentwicklung in Deutschland

Niedriglohnarbeiter oft ohne Tarifschutz: Nur 34% tarifgebunden, Rückgang der Tarifbindung gefährdet Lohnentwicklung in Deutschland

Tarifbindung bei Niedriglohnbeschäftigten besonders gering

Eine aktuelle Untersuchung des Forschungsinstituts ROCKWOOL Foundation Berlin (RFBerlin) und des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg zeigt, dass gerade Arbeitnehmer mit den niedrigsten Einkommen am seltensten durch Tarifverträge abgesichert sind. Im Jahr 2021 waren lediglich 34 Prozent der Beschäftigten im untersten Zehntel der Lohnverteilung tarifgebunden, während in der Mitte der Lohnskala mehr als 60 Prozent tariflich erfasst waren.

Abnehmende Tarifbindung und ihre Folgen

Christian Dustmann, Direktor von RFBerlin und Professor am University College London, betont die Bedeutung der Tarifbindung für eine ausgewogene Lohnentwicklung in Deutschland. Der Rückgang der Tarifbindung, insbesondere bei Geringverdienern, wirft Fragen zur zukünftigen Rolle des Tarifsystems auf. Während im Jahr 2000 noch etwa 68 Prozent der Beschäftigten unter einen Tarifvertrag fielen, sank dieser Anteil bis 2023 auf 49 Prozent.

Tarifverträge wirken traditionell als Instrument zur Begrenzung von Lohnunterschieden und stärken die Verhandlungsposition der Arbeitnehmer gegenüber den Arbeitgebern. Die geringe Tarifbindung im Niedriglohnsektor schwächt diese Schutzfunktion erheblich.

Besondere Herausforderungen im Niedriglohnsektor

Bernd Fitzenberger, Direktor des IAB, hebt hervor, dass gerade im Bereich der gering bezahlten Beschäftigten die Tarifbindung besonders niedrig ist, obwohl dort die Verhandlungsmacht der Arbeitnehmer am geringsten ist. Lutz Bellmann vom IAB bezeichnet diese Entwicklung als eine wesentliche Herausforderung für das deutsche Arbeitsbeziehungsmodell.

Die Studie erklärt auch, warum der gesetzliche Mindestlohn, der 2015 eingeführt wurde, an Bedeutung gewonnen hat. Für viele Beschäftigte mit niedrigen Einkommen übernimmt der Mindestlohn inzwischen teilweise die Schutzfunktion, die früher durch Tarifverträge gewährleistet wurde.

Erweiterte Wirkung der Tarifverträge

Die Untersuchung weist zudem darauf hin, dass die Wirkung von Tarifverträgen über die formal tarifgebundenen Betriebe hinausgeht. Zahlreiche Unternehmen orientieren sich freiwillig an tariflichen Standards, auch wenn sie nicht tarifgebunden sind. Berücksichtigt man diese Betriebe, liegt die effektive Tarifabdeckung bei etwa 68 Prozent der Beschäftigten.


Kontakt für wissenschaftliche Rückfragen

  • Prof. Christian Dustmann, Tel.: 0044/7818 048 380, E-Mail: cd@rfberlin.com
  • Prof. Lutz Bellmann, Tel.: 0151/17 40 30 69, E-Mail: lutz.bellmann@iab.de
  • Prof. Bernd Fitzenberger, Tel.: 0911/179 31 13, E-Mail: bernd.fitzenberger@iab.de

Veröffentlichungen

Originalpublikation: „Who Is Left Out? Collective Bargaining and Low-Wage Workers in Germany“ von Lutz Bellmann, Christian Dustmann und Bernd Fitzenberger; RFBerlin Research Insight;
https://www.rfberlin.com/research-insight/

Weitere Informationen:
https://www.rfberlin.com/discussion-papers
RFBerlin Discussion Paper „Collective Bargaining in Germany: Trends and Challenges“ von Lutz Bellmann, Christian Dustmann und Bernd Fitzenberger

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