Nationaler Bildungsbericht 2026: Strategien zur Chancengleichheit und Stärkung von Talenten im deutschen Bildungssystem.

Nationaler Bildungsbericht 2026: Strategien zur Chancengleichheit und Stärkung von Talenten im deutschen Bildungssystem.

Nationaler Bildungsbericht 2026: Strategien zur Verringerung von Benachteiligungen und zur Förderung von Potenzialen

In Deutschland wirken sich niedrige Qualifikationen nachhaltig auf Bildungs- und Erwerbsverläufe aus. Die Analysen des Leibniz-Instituts für Bildungsverläufe (LIfBi) im Rahmen des nationalen Bildungsberichts „Bildung in Deutschland 2026“ verdeutlichen die langfristigen Folgen unterschiedlicher Qualifikationsniveaus. Dabei werden besonders sensible Übergangsphasen im Bildungssystem sowie Steuerungsmöglichkeiten untersucht. Im Mittelpunkt stehen die entscheidenden Weichenstellungen beim Übergang von der Schule in Ausbildung oder Studium, die Entwicklung von Kompetenzen über die Zeit, Bildungserträge sowie die Frage, inwieweit Benachteiligungen im Lebensverlauf verstärkt oder überwunden werden können.

Datenbasis und Verantwortlichkeiten

Das LIfBi ist für das Kapitel I des Berichts verantwortlich und stützt sich dabei auf Daten des Nationalen Bildungspanels (NEPS), der größten Langzeitstudie zur Bildung in Deutschland.

Der Einfluss des ersten Schulabschlusses auf Bildungs- und Erwerbswege

Der zunächst erreichte Schulabschluss prägt häufig typische Bildungs- und Erwerbsverläufe, jedoch sind diese nicht unumstößlich. So zeigen Längsschnittdaten, dass sich je nach Schulabschluss flexible Bildungswege eröffnen können. Beispielsweise folgen 89 % der Jugendlichen mit mittlerem Schulabschluss Bildungswegen, die von Berufsausbildung und Erwerbstätigkeit geprägt sind, teilweise mit Verzögerungen. Gleichzeitig streben über 10 % dieser Gruppe ein (Fach-)Hochschulstudium an. Eine größere Vielfalt an Bildungs- und Erwerbsverläufen ist insbesondere bei Jugendlichen mit (Fach-)Hochschulreife zu beobachten.

Ambitionierte Berufswünsche und das Risiko von Bildungsabbrüchen

Bei Jugendlichen mit mittlerem Schulabschluss, die hohe berufliche Anforderungen anstreben, ist die Wahrscheinlichkeit für einen Abbruch der Berufsausbildung erhöht. Etwa ein Drittel dieser Jugendlichen (34 %) verfolgt Berufswünsche auf Expertenniveau, die in der Regel eine mindestens vierjährige Hochschulausbildung erfordern. Dies führt zu einem höheren Risiko von Ausbildungsabbrüchen und anschließenden Phasen der Arbeitslosigkeit. Eine gezielte Berufsberatung, die Berufswünsche und deren Voraussetzungen berücksichtigt, könnte diesem Risiko entgegenwirken.

Langfristige Benachteiligungen durch fehlende Schulabschlüsse

Das Fehlen eines Schulabschlusses erhöht das Risiko von Arbeitslosigkeit erheblich. Zwar nehmen 66 % der Jugendlichen ohne Schulabschluss an berufsvorbereitenden Maßnahmen teil, schließen eine Berufsausbildung ab und finden eine Beschäftigung. Dennoch brechen rund 34 % dieser Gruppe nach einer Berufsvorbereitung die Ausbildung ab und geraten in Arbeitslosigkeit.

Aufstiegschancen trotz anfänglicher Geringqualifikation

Langzeitdaten zeigen, dass etwa 30 % der anfänglich geringqualifizierten Personen innerhalb von sechs Jahren einen höheren Bildungsabschluss wie (Fach-)Hochschulreife, Berufs- oder Hochschulabschluss erreichen. Im Gegensatz dazu verbleiben etwa 70 % dauerhaft gering qualifiziert. Personen mit niedriger Bildung sind im weiteren Lebensverlauf häufiger von Arbeitslosigkeit betroffen, üben schlechter bezahlte Tätigkeiten aus und weisen gesundheitliche Belastungen auf.

Bildung als lebenslanger Prozess

Prof. Dr. Cordula Artelt, Direktorin des LIfBi und Mitglied der Autorengruppe des Bildungsberichts, betont die Notwendigkeit, Bildung als kontinuierlichen Prozess zu begreifen. Derzeit fehlt ein klarer bildungspolitischer Fokus auf die Zeit nach dem Schulabschluss sowie eine abgestimmte Unterstützung zur Förderung weiterer Bildungsteilnahme. Insbesondere für benachteiligte Gruppen und Personen mit nicht geradlinigen Bildungs- und Erwerbsverläufen ist eine bessere Koordination der Maßnahmen verschiedener Ressorts und Bildungsbereiche erforderlich.

Frühe und persistente Kompetenzunterschiede

Unterschiede in naturwissenschaftlichen Kompetenzen manifestieren sich bereits im Vorschulalter und bleiben über die Schulzeit hinweg bestehen. Kinder aus Familien mit niedriger Bildung oder Migrationshintergrund verfügen vor der Grundschule über geringere naturwissenschaftliche Fähigkeiten und können diesen Rückstand während der Grund- und Sekundarstufe nicht aufholen.

Geschlechtsspezifische Unterschiede in MINT-Kompetenzen und -Berufen

Kompetenzunterschiede zwischen Jungen und Mädchen in naturwissenschaftlichen Fächern entwickeln sich erst im Jugendalter. Zwischen fünf und neun Jahren zeigen beide Geschlechter vergleichbare Leistungen, ab etwa 15 Jahren sind Jungen durchschnittlich leistungsstärker und verzeichnen bis zum Alter von 26 Jahren einen größeren Kompetenzzuwachs. Zudem bestehen deutliche geschlechtsspezifische Gehaltsunterschiede in MINT-Berufen: So lag der Stundenlohn von Mechatronikerinnen 2024 bei etwa 19 Euro, während männliche Kollegen über vier Euro mehr erhielten.

Prof. Dr. Artelt weist darauf hin, dass diese Unterschiede nicht unveränderlich sind. Der Leistungsunterschied entsteht häufig parallel zur Entwicklung geschlechtsspezifischer Motivationen für naturwissenschaftliche Berufe. Frühzeitige Förderung der Kompetenzen, Motivation und des Selbstvertrauens von Mädchen und jungen Frauen kann dazu beitragen, mehr Frauen für MINT-Berufe zu gewinnen.

Informationen zum Nationalen Bildungsbericht

Der nationale Bildungsbericht „Bildung in Deutschland“ wird von einem unabhängigen Wissenschaftler:innen-Team erstellt, das verschiedene Institutionen wie das DIPF | Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation, das Deutsche Institut für Erwachsenenbildung (DIE), das Deutsche Jugendinstitut (DJI), das Deutsche Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW), das LIfBi, das Soziologische Forschungsinstitut Göttingen (SOFI) sowie die statistischen Ämter von Bund und Ländern repräsentiert. Die Kultusministerkonferenz (KMK) und das Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMBFSFJ) fördern die Erstellung des Berichts. Das LIfBi trägt die Verantwortung für das Kapitel I „Bildungsverläufe, Kompetenzentwicklung und Erträge“ und verwendet hierfür insbesondere Daten des Nationalen Bildungspanels.

Das Leibniz-Institut für Bildungsverläufe (LIfBi) und das Nationale Bildungspanel (NEPS)

Das LIfBi in Bamberg erforscht Bildungsprozesse von der Geburt bis ins hohe Erwachsenenalter und stellt eine bedeutende Infrastruktur für empirische Bildungsforschung in Deutschland bereit. Im Zentrum steht das Nationale Bildungspanel (NEPS), das sieben große Startkohorten umfasst und mehr als 70.000 Personen sowie etwa 50.000 Angehörige aus deren Umfeld erfasst. Die Stichproben sind repräsentativ für Deutschland. Die anonymisierten Daten werden Bildungsforschenden weltweit zur Verfügung gestellt. Die Leitung des NEPS obliegt Prof. Dr. Cordula Artelt, die auch Mitglied der Autorengruppe des Bildungsberichts ist.

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