Medienberichterstattung über Naturkatastrophen: Spektakuläre Bilder und persönliche Verbindungen bestimmen internationale Aufmerksamkeit

Medienberichterstattung über Naturkatastrophen: Spektakuläre Bilder und persönliche Verbindungen bestimmen internationale Aufmerksamkeit

Internationale Medienberichterstattung über Naturkatastrophen: Einflussfaktoren und Herausforderungen

Eine aktuelle Untersuchung von Wissenschaftlern der Universität Bonn, der University of Warwick und des Imperial College London, veröffentlicht in „Nature Human Behaviour“, analysiert die Bedingungen, unter denen Medien weltweit über Naturkatastrophen in anderen Ländern berichten. Die Studie zeigt, dass spektakuläre visuelle Darstellungen, hohe Opferzahlen und persönliche Verbindungen zwischen Ländern entscheidend für die mediale Aufmerksamkeit sind. Besonders auffällig ist, dass Dürren und Überflutungen, zwei zentrale Folgen des Klimawandels, vergleichsweise selten internationale Beachtung finden.

Methodik und Datengrundlage

Die Analyse basiert auf Daten des „Europe Media Monitor“, einer Datenbank der Europäischen Kommission, die täglich Nachrichtenartikel von 20.000 Quellen aus 190 Ländern erfasst. Untersucht wurden über 2.600 offiziell registrierte Naturkatastrophen seit 2016. Ziel war es, Muster in der grenzüberschreitenden Medienberichterstattung zu identifizieren.

Ergebnisse: Drei zentrale Einflussfaktoren

  • Art der Katastrophe: Medien berichten bevorzugt über plötzliche Ereignisse mit eindrucksvollen Bildern, wie Erdbeben, Vulkanausbrüche, Lawinen oder Waldbrände.
  • Opferzahlen: Je höher die Zahl der Todesopfer, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit einer internationalen Berichterstattung.
  • Persönliche Verbindungen: Soziale Beziehungen zwischen Bevölkerungen spielen eine wesentliche Rolle. Dabei sind weder geografische Nähe noch gemeinsame Sprache ausschlaggebend, sondern vor allem enge persönliche Bande.

Rolle sozialer und genetischer Verbindungen

Der sogenannte „social connectedness index“, der auf der Anzahl von Facebook-Freundschaften zwischen Ländern basiert, liefert Hinweise auf die Bedeutung persönlicher Beziehungen. Darüber hinaus korreliert die genetische Ähnlichkeit der Bevölkerungen zweier Länder mit der Häufigkeit der Berichterstattung über Naturkatastrophen. Diese genetische Übereinstimmung wird als Indikator für historische und soziale Verbindungen interpretiert, nicht als direkte Ursache.

Ein Beispiel hierfür ist die Migration während der großen Hungersnot im 19. Jahrhundert, die zu genetischen Überschneidungen zwischen Irland und den USA führte und heute noch die Medienaufmerksamkeit beeinflusst.

Auswirkungen auf das öffentliche Bewusstsein

Persönliche Verbindungen fördern das Interesse und die Empathie gegenüber betroffenen Ländern. Die Studie illustriert dies anhand eines hypothetischen Szenarios: Ein Sturm in Mexiko mit 62 Todesopfern würde in deutschen Medien ähnlich stark wahrgenommen wie ein Sturm mit 100 Opfern in Bangladesch, obwohl Bangladesch geografisch näher liegt.

Diese Erkenntnisse unterstreichen die Bedeutung sozialer Bindungen für die globale Zusammenarbeit bei Herausforderungen wie dem Klimawandel. Gleichzeitig zeigt die Untersuchung, dass insbesondere die Folgen des Treibhauseffekts, etwa Dürren und Überschwemmungen, selten internationale mediale Beachtung finden. Diese Ereignisse werden meist nur lokal berichtet, was die Wahrnehmung ihrer Dringlichkeit mindert.

Institutionen und Förderung

Die Studie entstand in Kooperation zwischen der Universität Bonn, der University of Warwick und dem Imperial College London. Gefördert wurde die Forschung durch den Leverhulme Preis in Ökonomie, einen Starting Grant des Europäischen Forschungsrats (ERC) sowie die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG).


Kontakt für wissenschaftliche Rückfragen

Prof. Dr. Thiemo Fetzer
Fachbereich Wirtschaftswissenschaften, Universität Bonn
E-Mail: tfetzer@uni-bonn.de


Originalpublikation

Thiemo Fetzer & Prashant Garg: Uneven Patterns of Cross-Border Media Coverage Following Natural Disasters; Nature Human Behaviour; DOI: 10.1038/s41562-026-02512-6.
https://www.nature.com/articles/s41562-026-02512-6

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