Arbeitskosten in Deutschland: Rückgang auf Rang sieben innerhalb der EU – moderater Anstieg im Vergleich zu anderen Staaten
Eine aktuelle Untersuchung des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der Hans-Böckler-Stiftung analysiert die Entwicklung der Arbeitskosten in Deutschland im europäischen Vergleich. Demnach ist Deutschland im Jahr 2025 von Platz fünf auf Platz sieben der EU-Länder mit den höchsten Arbeitskosten zurückgefallen. Gleichzeitig weist das Land den fünftniedrigsten Anstieg der Arbeitskosten unter 27 EU-Staaten auf.
Entwicklung der Lohnstückkosten und Arbeitskosten
Seit 2023 sind die Lohnstückkosten in Deutschland aufgrund verschiedener externer Krisen, darunter der Krieg in der Ukraine, die chinesische Subventionspolitik, US-Zolleskalationen sowie der Konflikt im Iran, deutlich stärker gestiegen als in den Vorjahren. Über den Zeitraum seit dem Jahr 2000 betrachtet, liegt das durchschnittliche jährliche Wachstum der Lohnstückkosten mit 1,9 Prozent jedoch knapp unter dem Inflationsziel der Europäischen Zentralbank und entspricht somit einer stabilitätsorientierten Entwicklung.
Die jüngsten Zuwächse sind vor allem auf eine schwache Produktivitätsentwicklung zurückzuführen und weniger auf steigende Arbeitskosten. Ende 2025 betrugen die Arbeitskosten in der deutschen Privatwirtschaft 45,70 Euro pro Stunde. Im EU-Vergleich liegen Schweden (46,60 Euro) und die Niederlande (46,20 Euro) mit stärkeren Kostenanstiegen vor Deutschland. An der Spitze stehen Luxemburg, Dänemark und Belgien mit Arbeitskosten zwischen 49,70 und 56,20 Euro. Österreich verzeichnet mit 46,30 Euro ebenfalls höhere Arbeitskosten, während Frankreich mit 44,70 Euro auf Platz acht folgt.
Arbeitskostenanstieg im EU-Vergleich
Im Jahr 2025 betrug der Anstieg der Arbeitskosten in Deutschland 3,4 Prozent, was unter dem EU-Durchschnitt von 4,3 Prozent liegt. Besonders in der Industrie fiel der Zuwachs mit 2,0 Prozent am geringsten aus. Die Dynamik der Arbeitskostenentwicklung hat sich im Vergleich zu den Vorjahren abgeschwächt, in denen vor allem die Inflationswelle zu Nachholeffekten bei der Kaufkraft führte.
In den süd- und osteuropäischen Mitgliedstaaten der EU sind die Arbeitskosten zwar niedriger, steigen jedoch deutlich stärker an. So lagen die Zuwächse 2025 in der Slowakei bei 6,8 Prozent und in Bulgarien bei 13,1 Prozent. Weitere Länder mit hohen Steigerungen sind Ungarn (7,7 %), Tschechien (9,6 %), Polen (10,0 %) und Rumänien (10,6 %).
Ursachen für die Produktivitätsentwicklung
Die Studienautor*innen Prof. Dr. Alexander Herzog-Stein, Dr. Ulrike Stein und Nico Rudorf führen die moderate Entwicklung der Arbeitskosten vor allem auf eine anhaltende Nachfrageschwäche zurück, die trotz eines robusten Arbeitsmarktes das Produktivitätswachstum hemmt. Die Lohnstückkosten, die das Verhältnis von Arbeitskosten zur Produktivität abbilden, steigen dadurch stärker, da die Produktivität in Deutschland in den letzten Jahren nur schwach zulegte.
Ein wesentlicher Faktor ist, dass viele Unternehmen ihre Beschäftigtenzahlen trotz rückläufiger Nachfrage nur geringfügig reduziert haben. Diese Strategie hatte sich bereits während der Finanz- und Weltwirtschaftskrise 2008/2009 bewährt, da sie einen schnellen Wiederanlauf ermöglichte. Angesichts des demografischen Wandels erscheint diese Vorgehensweise weiterhin sinnvoll. Allerdings dauert die aktuelle „Polykrise“ seit 2020 deutlich länger an und wird durch wiederholte externe Schocks unterbrochen.
Weitere Einflussfaktoren auf die Produktivität
Die Untersuchung umfasst zudem eine Shift-Share-Analyse, die den Einfluss des beschleunigten Strukturwandels in Deutschland bewertet. Dabei zeigt sich, dass der Rückgang der Industrie zugunsten des Dienstleistungssektors die gesamtwirtschaftliche Produktivität zwar dämpft, der Effekt aber bisher moderat ist.
Deutlich problematischer ist laut der Studie die geringe Kapitalakkumulation im Bereich Informations- und Kommunikationstechnologien. Dies weist auf unzureichende Investitionen in Digitalisierung und Zukunftstechnologien hin, was sich negativ auf die Produktivitätsentwicklung auswirkt. Deutschland liegt hier nicht nur hinter den USA zurück, sondern auch hinter vergleichbaren EU-Staaten. Dieser Rückstand betrifft sowohl die öffentliche Infrastruktur als auch Unternehmensinvestitionen.
Demgegenüber trägt die Qualität und Quantität der Arbeitskräfte weiterhin moderat und konstant positiv zur Produktivität bei.
Empfehlungen der Studie
- Zur Verbesserung der Produktivität müsse die Investitionsschwäche überwunden werden, insbesondere durch breit angelegte Digitalisierungsmaßnahmen.
- Diese sollten nicht einfach das US-amerikanische Modell großer Informationskonzerne kopieren, deren Einfluss auf die Gesamtwirtschaft begrenzt ist.
- Forderungen nach Lohnzurückhaltung oder Sozialabbau werden als kontraproduktiv bewertet, da sie die private Nachfrage und damit die wirtschaftliche Erholung gefährden könnten.
Kontakt und weiterführende Informationen
Wissenschaftliche Ansprechpartner:
Prof. Dr. Alexander Herzog-Stein
IMK, Hans-Böckler-Stiftung
Telefon: 0211-7778-235
E-Mail: Alexander-Herzog-Stein@boeckler.de
Rainer Jung
Leiter Pressestelle (inhaltlich verantwortlich)
Telefon: 0211-7778-150
E-Mail: Rainer-Jung@boeckler.de
Originalpublikation
Alexander Herzog-Stein, Ulrike Stein, Nico Rudorf: In Zeiten der Polykrise. Produktivitäts- und Arbeitskostenentwicklung 2025. IMK Report Nr. 202, August 2026.
Download: https://www.boeckler.de/de/faust-detail.htm?sync_id=HBS-009467
Pressemitteilung mit Tabelle (PDF): https://www.boeckler.de/data/pm_imk_2026_08_13.pdf
Interview mit den IMK-Experten Prof. Dr. Alexander Herzog-Stein und Dr. Ulrike Stein (Audio): https://www.boeckler.de/pdf/imk_podcast_report_202.mp3




















.jpg?w=750&resize=750,450&ssl=1)