Auswirkungen sozialer Ungleichheit auf gesellschaftliche Grundlagen
Im Fokus des ERC-geförderten Forschungsprojekts POLAR unter Leitung von Prof. Markus Gangl, Soziologe an der Goethe-Universität Frankfurt, stand die Untersuchung, ob und wie ökonomische Ungleichheit liberale Gesellschaften gefährden kann. Die Analyse mehrerer Studien beleuchtet Veränderungen im Vertrauen der Bevölkerung in demokratische Institutionen, den Leistungsbegriff sowie die Chancengleichheit.
Vertrauen in die Meritokratie bei wachsender Ungleichheit
Eine vielbeachtete Untersuchung des niederländischen Soziologen Jonathan Mijs, der derzeit an der Boston University tätig ist, kam zu dem Ergebnis, dass mit zunehmender sozialer Ungleichheit auch das Vertrauen in die Meritokratie – die Vorstellung, dass Leistung und Anstrengung zum Erfolg führen – steigt. Dieses Resultat widerspricht gängigen Erwartungen und löste innerhalb der Fachwelt kontroverse Diskussionen aus.
Im Gegensatz dazu konnten Sven Ehmes, Doktorand bei Markus Gangl, und Gangl selbst diese Ergebnisse mit eigenen Daten nicht bestätigen. Ihre Analyse zeigte vielmehr, dass eine wachsende Kluft zwischen Arm und Reich das Vertrauen in die Meritokratie verringert. Diese Studie wurde in der renommierten Fachzeitschrift Socio-Economic Review veröffentlicht, deren Herausgeberbeirat auch Jonathan Mijs angehört, der die Ergebnisse anerkannt hat.
Der wesentliche Unterschied zwischen den beiden Untersuchungen liegt in der Berücksichtigung sozialer Mobilität: Während Mijs den sozialen Auf- oder Abstieg der Befragten in seine Analyse einbezog, konzentrierten sich Ehmes und Gangl ausschließlich auf den aktuellen sozioökonomischen Status. Markus Gangl erläutert: „Unsere Studie beantwortet die Frage, wie Bürgerinnen und Bürger typischerweise auf zunehmende gesellschaftliche Ungleichheit reagieren. Mijs hingegen analysierte, wie Personen ihre Überzeugungen bezüglich Meritokratie in Abhängigkeit von ihrem eigenen sozialen Aufstieg unter verschiedenen Ungleichheitsbedingungen bewerten.“ Insbesondere bei hohem Ungleichheitsniveau werden individuelle Erfolge eher als Ergebnis persönlicher Leistung interpretiert, was den Glauben an das Leistungssystem stärkt.
Das POLAR-Projekt und seine Datenbasis
Markus Gangl ist seit 2011 Professor für Soziologie mit Schwerpunkt Sozialstruktur und Sozialpolitik an der Goethe-Universität Frankfurt. Im Jahr 2019 erhielt er den Advanced Grant des European Research Council (ERC) für das Projekt „Polarization and its discontents: does rising economic inequality undermine the foundations of liberal societies?“ (POLAR). Die Förderung umfasst einen Zeitraum von April 2020 bis September 2025 und beläuft sich auf 2,5 Millionen Euro.
Eine besondere Stärke des Projekts liegt in der umfangreichen Datenbasis: Gangl und sein Team haben Befragungsdaten aus über 30 westlichen Ländern von 1980 bis zum Beginn der COVID-19-Pandemie zusammengeführt. Diese Datenbank enthält mehr als fünf Millionen Datensätze und ermöglicht damit eine umfassende Längsschnittanalyse zu verschiedenen Themenbereichen. Die Datenbasis bietet zudem den wissenschaftlichen Mitarbeitern des Projekts die Möglichkeit, eigene Qualifikationsarbeiten zu erstellen.
Ungleichheit, Polarisierung und politisches Vertrauen
Eine weitere Untersuchung des Teams befasste sich mit der Frage, wie zunehmende Ungleichheit die Wahrnehmung gesellschaftlicher Konflikte beeinflusst. Die Forscher Cristian Márquez Romo, Simon Bienstman und Markus Gangl konnten zeigen, dass mit steigender Einkommensungleichheit auch die Wahrnehmung sozialer Gegensätze zunimmt. Dieser Effekt ist in nahezu allen sozialen Gruppen zu beobachten und verstärkt die gesellschaftliche Polarisierung, mit Ausnahme der oberen Mittelschicht.
Darüber hinaus wurde der Zusammenhang zwischen Ungleichheit und politischem Vertrauen analysiert. Simon Bienstman, Svenja Hense und Markus Gangl fanden heraus, dass Menschen in ungleicheren Gesellschaften häufiger das Gefühl haben, politisch machtlos zu sein und von politischen Entscheidungsträgern nicht wahrgenommen zu werden. Dieses Gefühl der politischen Ohnmacht führt zu einem Rückgang des Vertrauens in politische Institutionen. Der Effekt tritt unabhängig von der politischen Orientierung auf, ist jedoch bei linksorientierten Personen ausgeprägter, da für sie die Verringerung von Ungleichheit ein zentrales politisches Ziel darstellt.
Ausblick auf weitere Forschung
Derzeit befindet sich eine weitere Studie im Begutachtungsverfahren, die untersucht, wie sich zunehmende Ungleichheit auf Partnerschafts- und Heiratsmärkte auswirkt. Insbesondere wird analysiert, ob sich Menschen in einem sozial angespannten Umfeld stärker innerhalb eigener sozialer Gruppen bewegen. Die Ergebnisse werden voraussichtlich im kommenden Jahr veröffentlicht.
Kontakt und weiterführende Informationen
- Prof. Dr. Markus Gangl
Institut für Soziologie, Goethe-Universität Frankfurt
Telefon: +49 69 798-36633
E-Mail: mgangl@soz.uni-frankfurt.de - Porträt von Markus Gangl
Wichtige Publikationen
- Ehmes, Sven, und Markus Gangl (2026). „The Paradox of Inequality that Isn’t: Rising Economic Inequality Depresses and Polarises Citizens’ Belief in Meritocracy.“ Socio-Economic Review. https://doi.org/10.1093/ser/mwag016 (Open Access)
- Márquez Romo, Cristian, Simon Bienstman, und Markus Gangl (2026). „Increasingly polarized? Inequality, prosperity, and perceived socioeconomic conflict in advanced economies (1987–2019).“ European Sociological Review 42 (3): 387-404. https://doi.org/10.1093/esr/jcaf052 (Open Access)
- Bienstman, Simon, Svenja Hense, und Markus Gangl (2024). „Explaining the ‘democratic malaise’ in unequal societies: Inequality, external efficacy, and political trust.“ European Journal of Political Research 63 (1): 172-191. https://doi.org/10.1111/1475-6765.12611 (Open Access)
Abbildung
Quelle: Uwe Dettmar / Goethe-Universität Frankfurt am Main




















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