Kündigungsschutz in Deutschland: Lockerung bringt Flexibilität für Firmen, widerlegt gängige Mythen über hohe Entlassungskosten.

Kündigungsschutz in Deutschland: Lockerung bringt Flexibilität für Firmen, widerlegt gängige Mythen über hohe Entlassungskosten.

Analyse der geplanten Abschwächung des Kündigungsschutzes in Deutschland

Die Bundesregierung beabsichtigt, den Kündigungsschutz zu lockern, um Unternehmen, insbesondere Startups, eine flexiblere und kostengünstigere Trennung von Beschäftigten aus wirtschaftlichen Gründen zu ermöglichen. Im Fokus stehen dabei aktuell Arbeitnehmer mit hohem Einkommen.

Empirische Daten widerlegen häufige Annahmen

In der öffentlichen Debatte wurde argumentiert, dass die Kosten für Entlassungen in Deutschland, bedingt durch das Kündigungsschutzrecht, vergleichsweise hoch seien und Unternehmen dadurch behindert würden. Diese Sichtweise wurde unter anderem von den französischen Tech-Unternehmern Yann Coatanlem und Olivier Coste vertreten. Eine aktuelle Studie des Hugo Sinzheimer Instituts (HSI) und des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung stellt diese Annahmen infrage.

  • Die Untersuchung zeigt, dass die oft genannten hohen „Restrukturierungskosten“ in der Praxis nur bei Beschäftigten mit sehr langen Betriebszugehörigkeiten (40 bis 60 Jahre) relevant wären, was insbesondere für Startups unrealistisch ist.
  • Kündigungsquoten bei Hochverdienern sind entgegen der Erwartungen nicht niedrig, sondern liegen auf dem zweithöchsten Niveau, direkt nach Beschäftigten mit geringem Einkommen.

Abfindungen: Häufigkeit und Höhe im Überblick

Die Annahme, dass das Kündigungsschutzrecht häufig zu hohen Abfindungszahlungen führt, wird durch die Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) nur teilweise bestätigt:

  • Im Jahr 2024 reichten lediglich 12 bis 16 Prozent der gekündigten Arbeitnehmer Klage ein.
  • In etwa 25 Prozent der Fälle wurden Abfindungen gezahlt, wenn man Arbeitgeberkündigungen und einvernehmliche Auflösungsverträge zusammenfasst.
  • Die durchschnittliche Abfindungshöhe lag bei rund 41.000 Euro, was etwa 9,3 Bruttomonatsgehältern entspricht und deutlich unter den von Coatanlem und Coste genannten 31 Monatsgehältern liegt.

Die Studie weist darauf hin, dass in den sogenannten „Restrukturierungskosten“ weitere Faktoren wie Sozialplan-Leistungen, Rechtskosten oder Outplacement-Maßnahmen enthalten sind, die nicht unmittelbar mit Abfindungen vergleichbar sind.

Berücksichtigung weiterer wirtschaftlicher Aspekte

Die Forscher betonen, dass neben Abfindungen auch andere Kosten durch Personalfluktuation entstehen, die oft vernachlässigt werden. Dazu zählen Produktivitätsverluste sowie Aufwendungen für Neueinstellungen, Einarbeitung und Onboarding. Erste Studien schätzen diese Kosten auf bis zu 20 Monatsgehälter. Eine Lockerung des Kündigungsschutzes könnte daher zu höheren Gesamtkosten für Unternehmen führen, wenn sie vermehrt mit Fluktuation rechnen müssen.

Rechtliche Bewertung der geplanten Einkommensgrenze

Die geplante Ausnahmeregelung für Beschäftigte mit einem Einkommen oberhalb des 1,75-fachen der Beitragsbemessungsgrenze (ca. 177.000 Euro jährlich) wirft auch juristische Fragen auf:

  • Das Kündigungsschutzgesetz schützt nicht nur die Existenzgrundlage, sondern auch vor willkürlichen Kündigungen, unabhängig vom Einkommen.
  • Eine Ungleichbehandlung basierend auf dem Einkommen könnte verfassungsrechtlich problematisch sein und den Gleichbehandlungsgrundsatz sowie die Berufsfreiheit verletzen.
  • Eine solche Regelung birgt das Risiko, dass der Kündigungsschutz später weiter eingeschränkt wird, was den Schutz aller Arbeitnehmer gefährden könnte.

Kontaktinformationen der Studienautoren

  • Dr. Ernesto Klengel
    Wissenschaftlicher Direktor des HSI
    Telefon: 069-6693-2902
    E-Mail: Ernesto-Klengel@boeckler.de
  • Dr. Toralf Pusch
    Experte für Arbeitsmarktanalyse am WSI
    Telefon: 0211-7778-630
    E-Mail: Toralf-Pusch@boeckler.de
  • Rainer Jung
    Leiter Pressestelle
    Telefon: 0211-7778-150
    E-Mail: Rainer-Jung@boeckler.de

Weiterführende Literatur

Einkommensgrenze und Kündigungsschutz. Eine arbeitsrechtliche und ökonomische Bewertung.
WSI Policy Brief Nr. 102, September 2026, von Ernesto Klengel und Toralf Pusch.

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