Sinkende Ausbildungszahlen im dualen System – Schulberufssystem wächst, aber soziale Ungleichheiten bleiben bestehen.

Sinkende Ausbildungszahlen im dualen System – Schulberufssystem wächst, aber soziale Ungleichheiten bleiben bestehen.

Aktuelle Entwicklungen und Herausforderungen in der beruflichen Ausbildung

Der nationale Bildungsbericht 2026, veröffentlicht vom Soziologischen Forschungsinstitut Göttingen (SOFI), präsentiert neue Erkenntnisse zur beruflichen Ausbildung in Deutschland. Die Analyse zeigt sowohl rückläufige Zahlen im dualen System als auch Wachstum im Schulberufssystem, begleitet von anhaltenden sozialen Ungleichheiten und hohen Abbruchquoten.

Rückgang der Ausbildungszahlen im dualen System

Die Zahl der Ausbildungsanfänger:innen und Absolvent:innen im dualen System ist rückläufig. Trotz steigender Nachfrage nach Ausbildungsplätzen nimmt das betriebliche Angebot weiter ab. Nur noch 19 % der Betriebe mit sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten bieten Ausbildungsplätze an – ein historischer Tiefstand, vor allem bedingt durch eine geringere Beteiligung kleiner und kleinster Unternehmen.

Im Jahr 2025 standen bundesweit etwa 95 Ausbildungsstellen auf 100 Bewerber:innen zur Verfügung, wobei regionale und berufsfeldspezifische Unterschiede bestehen. Prof. Susan Seeber betont, dass dieses Missverhältnis auf strukturelle Ungleichgewichte hinweist, die neben regionalen Faktoren auch betriebliche Rahmenbedingungen, Qualifikationen der Bewerbenden und unterschiedliche berufliche Präferenzen umfassen.

Wachstum im Schulberufssystem und dessen Herausforderungen

Das Schulberufssystem verzeichnet mit rund 233.000 Anfänger:innen im Jahr 2025 den höchsten Stand seit zwei Jahrzehnten. Insbesondere die Pflegeberufe tragen zu diesem Anstieg bei. Im Bereich der Erziehung steigen die Zahlen in niedrigschwelligen Ausbildungen wie Kinderpflege und Sozialassistenz, während die Erzieher:innenausbildung rückläufig ist.

Dr. Maria Richter weist darauf hin, dass gerade im Erziehungsbereich ein hoher Fachkräftebedarf besteht, nicht zuletzt aufgrund des Rechtsanspruchs auf Ganztagsbetreuung. Die heterogene Zusammensetzung der Auszubildenden erfordert verstärkte Unterstützungsangebote, insbesondere in den Bereichen Sprache, Kommunikation und Lernkompetenz.

Ungleicher Zugang und Abbruchquoten

Der Zugang zu vollqualifizierenden Ausbildungen ist weiterhin ungleich verteilt. Ein wachsender Anteil junger Menschen beginnt zunächst Übergangsmaßnahmen. Der Schulabschluss bleibt entscheidend für den Ausbildungszugang. Jugendliche mit Migrationshintergrund sind trotz zunehmender Teilnahme weiterhin benachteiligt. Besonders prekär ist die Lage für junge Menschen mit sonderpädagogischem Förderbedarf, deren Übergänge in die Ausbildung oft unzureichend dokumentiert sind und die häufig auf wenige, theoriearme Ausbildungsangebote beschränkt bleiben. Stigmatisierungserfahrungen erhöhen das Risiko, dauerhaft ohne Ausbildung oder Beschäftigung zu bleiben.

Die Stabilität der Ausbildungsverläufe stellt eine weitere Herausforderung dar: Fast ein Drittel der dualen Ausbildungen wird vorzeitig beendet. Dr. Maria Richter erklärt, dass vorzeitige Vertragslösungen ein strukturelles Problem darstellen, das mit schulischen Leistungen, sozialer Herkunft, betrieblichen Bedingungen, regionaler Wirtschaftskraft und berufsspezifischen Faktoren zusammenhängt. Die steigenden Abbruchquoten verdeutlichen den Bedarf an verbesserter Berufsorientierung sowie an Begleitung während der Ausbildung und im Falle eines Abbruchs. Vorzeitige Beendigungen erschweren individuelle Bildungsbiografien und können Fachkräftemangel verschärfen.

Berufliche Ausbildung als wichtiger Arbeitsmarkteintritt

Trotz eines Rückgangs auf 492.000 berufliche Ausbildungsabschlüsse bleibt die berufliche Ausbildung ein essenzieller Baustein für den Einstieg in den Arbeitsmarkt. Die Beschäftigungsperspektiven für Absolvent:innen sind weiterhin positiv, was sich in hohen Übernahmequoten durch Ausbildungsbetriebe und niedrigen Arbeitslosenquoten widerspiegelt.

Handlungsbedarf und bestehende Maßnahmen

Die Ergebnisse des Berichts verdeutlichen einen steigenden Bedarf an Maßnahmen zur Sicherung des Fachkräftenachwuchses. Bereits eingeführte Initiativen wie Berufsorientierungspraktika, die Neuausrichtung der Assistierten Ausbildung und erweiterte Möglichkeiten für außerbetriebliche Ausbildungen erreichen jedoch nicht alle Zielgruppen gleichermaßen, so Prof. Susan Seeber.

Informationen zum nationalen Bildungsbericht

Der nationale Bildungsbericht „Bildung in Deutschland“ wird von einem unabhängigen Wissenschaftler:innen-Team erstellt, das Einrichtungen wie das DIPF | Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation, das Deutsche Institut für Erwachsenenbildung, das Deutsche Jugendinstitut, das Deutsche Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung, das Leibniz-Institut für Bildungsverläufe, das Soziologische Forschungsinstitut Göttingen sowie die Statistischen Ämter des Bundes und der Länder umfasst. Die Kultusministerkonferenz und das Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend unterstützen die Erstellung des Berichts.

Kontakt und weiterführende Informationen

  • Soziologisches Forschungsinstitut Göttingen (SOFI) e.V.
    Friedländer Weg 31, 37085 Göttingen
  • Wissenschaftliche Ansprechpartnerin:
    Dr. Maria Richter
    Telefon: +49 551 52205-0
    E-Mail: maria.richter@sofi.uni-goettingen.de
  • Presse- und Öffentlichkeitsarbeit:
    Dr. Jennifer Villarama
    Telefon: +49 551 52205-19
    E-Mail: jennifer.villarama@sofi.uni-goettingen.de
  • Georg-August-Universität Göttingen, Professur für Wirtschaftspädagogik und Personalentwicklung
    Platz der Göttinger Sieben 5, 37073 Göttingen
  • Wissenschaftliche Ansprechpartnerin:
    Prof. Dr. Susan Seeber
    Telefon: +49 551 39-244 21
    E-Mail: susan.seeber@uni-goettingen.de

Weitere Informationen:

2 thoughts on “Sinkende Ausbildungszahlen im dualen System – Schulberufssystem wächst, aber soziale Ungleichheiten bleiben bestehen.

  1. Sind sinkende Ausbildungszahlen im dualen System nicht ein klares Zeichen dafür, dass wir unsere Prioritäten im Bildungssystem falsch setzen und soziale Ungleichheiten gnadenlos ignorieren?

  2. Die sinkenden Ausbildungszahlen im dualen System sind alarmierend. Wir dürfen die soziale Ungleichheit nicht ignorieren! Es braucht entschlossene Maßnahmen, um allen Jugendlichen faire Chancen zu bieten!

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