Einkommensungleichheit in Deutschland seit 1992 deutlich gestiegen sinkende soziale Umverteilung als wesentlicher Faktor

Einkommensungleichheit in Deutschland seit 1992 deutlich gestiegen – abnehmende soziale Umverteilung als wesentlicher Faktor

Der aktuelle Verteilungsbericht des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung zeigt, dass die Einkommensungleichheit in Deutschland auf dem zweithöchsten Stand seit 1992 liegt. Parallel dazu ist die Armutsquote in den letzten drei Jahrzehnten erheblich gestiegen: Im Vergleich zu 1992 nahm die Armutsrate um 45 Prozent zu, während die Zahl der Menschen in extremer Armut um 76 Prozent anstieg.

Veränderungen in der Einkommensstruktur

  • Die untere Mittelschicht ist deutlich geschrumpft.
  • Die Lohnspreizung bei den Stundenlöhnen hat seit Mitte der 2010er Jahre abgenommen, was maßgeblich auf die Einführung des gesetzlichen Mindestlohns zurückzuführen ist.
  • Die Umverteilungswirkung von Steuern und Sozialleistungen hat in den letzten zehn Jahren tendenziell abgenommen.
  • Ein zunehmender Anteil an Teilzeitbeschäftigung, häufig bedingt durch unzureichende Kinderbetreuungsangebote, beeinflusst die Einkommensentwicklung zusätzlich.

Der Anteil einkommensreicher Haushalte blieb über die Jahre relativ stabil, jedoch wuchsen deren Einkommen deutlich stärker als die der übrigen Bevölkerung. Insbesondere die Gruppe der sehr Einkommensreichen verzeichnete einen deutlichen Zuwachs, was zur weiteren Polarisierung der Einkommensverteilung beiträgt. Die Vermögensungleichheit, die noch ausgeprägter ist, wurde in der Studie nicht berücksichtigt.

Wissenschaftliche Einschätzung

Prof. Dr. Bettina Kohlrausch, wissenschaftliche Direktorin des WSI, betont, dass die Erhöhung des Mindestlohns einen wichtigen Beitrag zur Begrenzung der Lohnspreizung geleistet hat. Eine Stärkung der Tarifbindung wird als weiterer Schritt zur Stabilisierung der mittleren Einkommensschichten empfohlen. Gleichzeitig weist sie darauf hin, dass trotz niedriger Arbeitslosigkeit Armut und Ungleichheit zunehmen, was auf eine reduzierte Umverteilungswirkung des Sozialstaates zurückzuführen ist. Kürzungen im Sozialbereich könnten die Ungleichheit weiter verschärfen.

Methodik und Datenbasis

Die Analyse basiert auf den neuesten Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) für das Jahr 2024, die unter anderem von Dr. Dorothee Spannagel und Dr. Claus Schäfer ausgewertet wurden. Ergänzend wurden Daten aus der OECD Distribution of Earnings Database herangezogen. Die Untersuchung konzentriert sich auf das verfügbare Haushaltsnettoeinkommen, das nach Steuern und Sozialabgaben sowie unter Einbeziehung von Transfers berechnet wird. Die Vergleichbarkeit unterschiedlicher Haushaltsgrößen wird durch eine Äquivalenzgewichtung nach OECD-Standards hergestellt.

Zur Messung der Einkommensverteilung werden der Gini-Koeffizient sowie Dezilvergleiche verwendet. Armut wird definiert als Einkommen unter 60 Prozent des Median-Einkommens, strenge Armut unter 50 Prozent. Einkommensreiche Haushalte verfügen über mehr als 200 Prozent des Medianeinkommens, sehr Einkommensreiche über mehr als 300 Prozent.

Ergebnisse im Detail

Einkommensungleichheit

Der Gini-Koeffizient, der von 0 (vollständige Gleichheit) bis 1 (maximale Ungleichheit) reicht, stieg von 0,252 im Jahr 1992 auf einen Höchstwert von 0,312 im Jahr 2021. Nach einem leichten Rückgang 2022 erhöhte sich der Wert bis 2024 wieder auf 0,307. Die Zunahme der Ungleichheit zeigt sich auch ohne Berücksichtigung von Einkommensdaten geflüchteter Personen, wenn auch in abgeschwächter Form.

Lohnentwicklung

Die Spreizung der Löhne, gemessen am Verhältnis zwischen dem 90. und 10. Perzentil (D9/D1), stieg von etwa 2,80 Anfang der 1990er Jahre auf 3,52 im Jahr 2015 und sank anschließend bis 2024 auf 2,89. Die Einführung und Erhöhung des Mindestlohns sowie tarifliche Verbesserungen in Niedriglohnbranchen trugen maßgeblich zu dieser Entwicklung bei.

Armuts- und Reichtumsentwicklung

  • Die Armutsquote stieg von 11,9 Prozent 1992 auf 17,3 Prozent 2024.
  • Die strenge Armut nahm von 5,9 auf 10,4 Prozent zu.
  • Der Anteil einkommensreicher Haushalte blieb mit etwa 7 Prozent relativ konstant, während die Gruppe der sehr Einkommensreichen von 1,1 auf 1,9 Prozent wuchs.
  • Die obere Mittelschicht (100 bis unter 200 Prozent des Medians) blieb stabil bei rund 43 Prozent, während die untere Mittelschicht (60 bis unter 100 Prozent) von 38 auf 33 Prozent schrumpfte.

Politische und wirtschaftliche Bedeutung

Die Autoren der Studie heben hervor, dass die Vertiefung der Armut und die Schrumpfung der unteren Mittelschicht ökonomisch problematisch sind, da Haushalte mit niedrigem Einkommen zusätzliche Mittel hauptsächlich konsumieren, während wohlhabendere Haushalte eher sparen. Dies hat Auswirkungen auf die Binnenkonjunktur. Politisch führt die wachsende Ungleichheit zu einem Vertrauensverlust in demokratische Institutionen und den gesellschaftlichen Zusammenhalt, insbesondere bei der unteren Mittelschicht, die sich stärker von Abstieg bedroht fühlt.

Empfohlene Maßnahmen zur Eindämmung der Ungleichheit

  • Stärkung guter Erwerbsarbeit: Ausbau sozialversicherungspflichtiger und tarifgebundener Beschäftigung, Erhöhung der Tarifbindung durch Allgemeinverbindlichkeit von Tarifverträgen sowie Einführung sozialer Komponenten bei Tarifabschlüssen. Anpassung des Mindestlohns an den europäischen Referenzwert von 60 Prozent des Brutto-Median-Stundenlohns.
  • Erhöhung des Erwerbsumfangs von Haushalten: Verbesserung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf durch Ausbau kostenfreier und verlässlicher Kinderbetreuung sowie Ganztagsbetreuung in Schulen. Förderung flexibler Arbeitszeitmodelle, die den Bedürfnissen von Familien besser gerecht werden.
  • Sicherung angemessener Transferleistungen: Erhöhung des gesetzlichen Rentenniveaus und der Grundsicherung zur Bekämpfung und Verhinderung von Armut. Einführung einer Kindergrundsicherung als ergänzende Maßnahme.

Kontaktinformationen der Studienautoren

Originalpublikation

Dorothee Spannagel, Claus Schäfer: Ungleiches Deutschland: Löhne und Einkommen seit 1992. WSI-Verteilungsbericht 2026, WSI Report Nr. 117, November 2026. Download: https://www.boeckler.de/de/faust-detail.htm?produkt=HBS-009529

Die Pressemitteilung mit Abbildungen (PDF): https://www.boeckler.de/data/pm_wsi_2026_11_05.pdf

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