Saarländische Stahlindustrie im Wandel: Auf dem Weg zu grünem Stahl durch umfassende Transformation und neue Technologien.

Saarländische Stahlindustrie im Wandel: Auf dem Weg zu grünem Stahl durch umfassende Transformation und neue Technologien.

Transformation der saarländischen Stahlindustrie als soziotechnische Herausforderung

Im Rahmen des vom Bundesbildungsministerium geförderten Projekts „GreenSteelSkills – Kompetenzen für grünen Stahl“ hat das iso-Institut Saarbrücken zwei aktuelle Forschungsberichte veröffentlicht. Der erste Trendreport mit dem Titel „Green Steel. Die grüne Transformation der saarländischen Stahlindustrie“ beleuchtet die technologischen und betrieblichen Herausforderungen beim Übergang zu einer auf Wasserstoff und Strom basierenden Stahlproduktion. Ein zweiter Bericht analysiert anhand von Befragungen bei Dillinger und Saarstahl die Perspektiven der Beschäftigten hinsichtlich der Transformation, ihrer Arbeitsbedingungen sowie der künftig erforderlichen Kompetenzen.

Technologische und strukturelle Veränderungen in der Stahlproduktion

Der Trendreport untersucht exemplarisch den Wandel bei Dillinger und Saarstahl von der kohlebasierten Hochofenroute hin zu Direktreduktionsanlagen (DRI) und Elektrolichtbogenöfen (EAF), die mit Wasserstoff und Strom betrieben werden. Dabei wird deutlich, dass die Dekarbonisierung nicht nur als technischer Austausch von Anlagen zu verstehen ist, sondern eine umfassende systemische Transformation darstellt. Diese betrifft Produktionsprozesse, Energieversorgung, Logistik, Kompetenzprofile sowie Organisationsstrukturen.

  • Neue DRI- und EAF-Anlagen verändern die Wertschöpfungskette und schaffen Abhängigkeiten von Strom, Wasserstoff, Infrastruktur und regulatorischen Rahmenbedingungen.
  • Im Produktionsablauf führen der Wegfall technischer Redundanzen und der EAF als produktionskritisches Element zu besonderen Herausforderungen.
  • Der Bedarf an Schrott steigt erheblich, während die Wasserstoffversorgung derzeit noch unzureichend ist. Die ab 2029 geplanten 6.000 Tonnen grünen Wasserstoffs decken nur einen Bruchteil des langfristigen Bedarfs von etwa 120.000 Tonnen jährlich.
  • Technologien wie Wasserstofftechnik, Hochspannung, Automatisierung und digitale Prozesssteuerung verändern die Anforderungen an die Qualifikationen der Beschäftigten.
  • Qualifizierungsmaßnahmen, simulationsgestütztes Lernen und die Einbindung der Mitarbeiter in die Inbetriebnahmeprozesse sind essenziell für die erfolgreiche Umsetzung der Transformation.

Arbeits- und Kompetenzperspektiven der Beschäftigten

Die zweite Studie basiert auf 45 qualitativen Interviews mit Fach- und Führungskräften bei Dillinger und Saarstahl. Sie untersucht die Auswirkungen der Umstellung von der Hochofen-/Konverterroute auf Direktreduktion und Elektrolichtbogenöfen auf Arbeit, Kompetenzen und Qualifikationen. Obwohl die Stichprobe klein und selektiv ist, liefern die Ergebnisse differenzierte Einblicke in die Wahrnehmung der betrieblichen Transformationsprozesse.

  • Die Dekarbonisierung wird als umfassende soziotechnische Transformation verstanden, nicht nur als technischer Austausch.
  • Besonders in der Instandhaltung steigen die Anforderungen durch Automatisierung, Sensorik, IT-Vernetzung und den Wegfall technischer Redundanzen.
  • Prozessverständnis, schnelle Fehlerbehebung und bereichsübergreifende Schnittstellenkompetenzen gewinnen an Bedeutung.
  • Erfahrungswissen bleibt weiterhin zentral; formale Qualifikationen und standardisierte Prozessbeschreibungen reichen allein nicht aus.
  • Arbeitsplatznahes, kollegiales Lernen spielt eine wichtige Rolle bei der Bewältigung von Störungen, der Qualitätssicherung und der Arbeitssicherheit.

Implikationen für Wissenschaft und Politik

Die Ergebnisse beider Publikationen verdeutlichen die Notwendigkeit, die industrielle Dekarbonisierung als Zusammenspiel von Technologie, Arbeitsorganisation, Qualifizierung und Beschäftigtenperspektiven zu betrachten. Eine langfristige Begleitung des Transformationsprozesses über die Inbetriebnahmephase hinaus wird empfohlen.

Politisch ist hervorzuheben, dass die Akzeptanz der Transformation weniger durch Zweifel an der technischen Umsetzbarkeit geprägt ist, sondern vor allem durch Unsicherheiten bezüglich ökonomischer und institutioneller Rahmenbedingungen. Trotz technologischem Optimismus bestehen erhebliche Bedenken hinsichtlich der Energie- und Wasserstoffversorgung, der Absatzmöglichkeiten für grünen Stahl sowie der regulatorischen Stabilität.

Angesichts von Abschreibungszeiträumen von 20 bis 30 Jahren ist Planungssicherheit im regulatorischen Umfeld eine zentrale Voraussetzung für eine erfolgreiche Dekarbonisierung. Eine nachhaltige Transformation erfordert daher verlässliche industriepolitische Rahmenbedingungen, eine wettbewerbsfähige Energie- und Wasserstoffinfrastruktur sowie eine langfristig gesicherte Förderung betrieblicher Qualifizierungsmaßnahmen.


Kontakt für wissenschaftliche Rückfragen

Prof. Dr. Volker Hielscher
Institut für Sozialforschung und Sozialwirtschaft (iso) e.V.
Trillerweg 68
66117 Saarbrücken
Telefon: +49 681 9 54 24-0
Telefax: +49 681 9 54 24-27
E-Mail: hielscher@iso-institut.de
Web: https://www.iso-institut.de/


Quellenangaben

Hielscher, Volker; Schwarz, Kathleen; Thrun, Carla; Feldes, Werner; Bierwirth, Kathrin; Lunau, Thorsten (2026): Die Transformation der Stahlproduktion aus Sicht der Beschäftigten – Ergebnisse einer Befragung bei Saarstahl und Dillinger. iso-Report Nr. 10: Berichte aus Forschung und Praxis. Saarbrücken: Institut für Sozialforschung und Sozialwirtschaft (iso-Institut).
https://www.iso-institut.de/wp-content/uploads/2026_Beschaeftigtenbefragung_GSS_iso-report.pdf

Schwarz, Kathleen (2026): Green Steel. Die grüne Transformation der saarländischen Stahlindustrie – Historische Entwicklung, Umsetzung und Herausforderungen am Beispiel Dillinger und Saarstahl. iso-Institut, Saarbrücken.
https://www.iso-institut.de/wp-content/uploads/SHS_Trendreport_GreenSteel_072026.pdf

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