Psychische Belastungen am Arbeitsplatz trotz reduzierter Aufgabenanzahl
Zum Weltgesundheitstag für psychische Gesundheit am 10. Oktober rückt die Frage in den Mittelpunkt, welche Faktoren am Arbeitsplatz zu psychischer Belastung führen. Eine Untersuchung der Universität Bielefeld zeigt, dass nicht ausschließlich die Menge oder Unangemessenheit von Aufgaben Stress verursachen. Auch Veränderungen im Arbeitsalltag können zu Erschöpfung führen, selbst wenn die Anzahl belastender Tätigkeiten abnimmt. Entscheidend ist dabei die subjektive Sicherheit der Beschäftigten im Umgang mit der neuen Situation.
Kernaussagen der Studie
- Die Universität Bielefeld hat die Zusammenhänge zwischen Arbeitsbelastung und Stress untersucht.
- Ergebnis: Eine Verringerung belastender Aufgaben kann paradoxerweise mit einer Zunahme von Erschöpfung einhergehen.
- Die wahrgenommene Unsicherheit bei Veränderungen spielt eine zentrale Rolle für das psychische Befinden.
Im Arbeitsalltag bestehen vielfältige Anforderungen, doch nicht alle werden von den Beschäftigten als legitim oder sinnvoll empfunden. Der Begriff „illegitime Aufgaben“ beschreibt Tätigkeiten, die Mitarbeitende als unnötig oder unpassend für ihre Rolle ansehen.
Die aktuelle Studie widmet sich der bislang wenig beachteten Fragestellung, wie sich Veränderungen im Umfang solcher Aufgaben auf das Erleben der Beschäftigten auswirken. Die Forschenden der Universität Bielefeld führten hierzu zwei Befragungen durch: eine tägliche und eine wöchentliche. So konnten sie die Auswirkungen von Veränderungen im Arbeitsalltag auf die emotionale Erschöpfung der Beschäftigten nachvollziehen. Professor Dr. Kai C. Bormann, Koautor der Studie, betont, dass dadurch Aspekte der Arbeitsbelastung sichtbar werden, die bei einmaligen Erhebungen oft übersehen werden. Für die betriebliche Praxis bedeutet dies, dass Veränderungen transparent kommuniziert und Rückfragen ermöglicht werden sollten.
Veränderungen und Unsicherheit als Belastungsfaktoren
Die Untersuchung ergab, dass sowohl eine Zunahme als auch eine Abnahme illegitimer Aufgaben mit einer höheren emotionalen Erschöpfung verbunden waren als ein unveränderter Aufgabenbestand. Eine Erklärung hierfür ist die wahrgenommene Unsicherheit: Veränderungen führen dazu, dass Erwartungen und Anforderungen unklar werden.
Dies verdeutlicht einen oft übersehenen Stressfaktor im Arbeitsalltag: Nicht nur Umfang oder Schwierigkeit der Arbeit können psychisch belasten, sondern auch die mit Veränderungen einhergehende Verunsicherung. Daraus folgt nicht, dass belastende Aufgaben beibehalten werden sollten, sondern dass die Kommunikation von Veränderungen klar und nachvollziehbar gestaltet sein muss, um Unsicherheiten zu reduzieren.
Relevanz für Familienunternehmen
Die Ergebnisse sind insbesondere für Familienunternehmen von Bedeutung, in denen Zuständigkeiten häufig über lange Zeiträume und informell gewachsen sind. Bei Änderungen von Rollen und Aufgaben wird es entscheidend, wie Mitarbeitende die neuen Gegebenheiten interpretieren und einordnen.
Das iFUn – Institut für Familienunternehmen Ostwestfalen-Lippe an der Universität Bielefeld, dem Professor Dr. Bormann und sein Team angehören, verbindet wissenschaftliche Forschung mit praktischen Fragestellungen aus Unternehmen. In einem weiteren Projekt untersucht das Team, wie introvertierte und extravertierte Führungskräfte mit Unsicherheit am Arbeitsplatz umgehen und wann daraus psychische Belastungen entstehen.
Kommentar von Professor Dr. Kai C. Bormann
„Eine Reduzierung belastender Aufgaben ist grundsätzlich positiv. Unsere Studie zeigt jedoch, dass auch eine Entlastung Fragen aufwerfen kann, beispielsweise hinsichtlich der zukünftigen Erwartungen an die Mitarbeitenden. Daher sollten Führungskräfte nicht nur Aufgaben verändern, sondern diese Änderungen auch transparent erläutern.“
Wissenschaftliche Ansprechpartner
Professor Dr. Kai Bormann
Universität Bielefeld, Fakultät für Wirtschaftswissenschaften
Telefon: +49 521 106-5100 (Sekretariat)
E-Mail: kai.bormann@uni-bielefeld.de
Originalpublikation
Schaefer, A., & Bormann, K. C. (2026). The less the better? The effects of changes in illegitimate tasks on exhaustion and uncertainty. Work & Stress, 1–23. https://doi.org/10.1080/02678373.2026.2615297
Erstveröffentlichung am 13.01.2026.
Weitere Informationen
Human Resource and Family Business Management – Arbeitsgruppe von Prof. Dr. Kai Bormann
iFUn – Institut für Familienunternehmen Ostwestfalen-Lippe




















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