Steuervergünstigungen in Deutschland: Neuer Bericht deckt mangelnde Transparenz und Reformbedarf auf

Steuervergünstigungen in Deutschland: Neuer Bericht deckt mangelnde Transparenz und Reformbedarf auf

Länderbericht zu Steuervergünstigungen in Deutschland vorgestellt und diskutiert

Am 8. Oktober 2026 wurde in der Vertretung des Landes Nordrhein-Westfalen in Berlin ein neuer Länderbericht zu Steuervergünstigungen in Deutschland präsentiert. Die Studie wurde von Dr. Michael Thöne vom Finanzwissenschaftlichen Forschungsinstitut der Universität zu Köln (FiFo Köln) und Dr. Christian von Haldenwang vom German Institute of Development and Sustainability (IDOS) verfasst. Sie analysiert die Transparenz und Steuerungsmechanismen der deutschen Steuervergünstigungspraxis.

Steuervergünstigungen in Deutschland: Umfang und Herausforderungen

Steuervergünstigungen, auch als tax expenditures bezeichnet, stellen einen bedeutenden Teil der Staatsausgaben dar. Im Jahr 2026 belaufen sich diese auf etwa 1,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, was Mindereinnahmen von rund 76,5 Milliarden Euro entspricht. Diese Summe ergibt sich aus 107 wirtschaftlichen Steuervergünstigungen sowie 52 weiteren Tatbeständen, wie im 30. Subventionsbericht der Bundesregierung von 2025 dokumentiert.

Der Länderbericht ist Teil der von Council on Economic Policies (CEP) und IDOS herausgegebenen Reihe „Tax Expenditure Country Reports“, die derzeit zwölf Länderstudien umfasst. Dr. Alexander Barkawi, Gründer und Direktor des CEP, betonte eingangs, dass Steuervergünstigungen weltweit ähnliche Herausforderungen aufweisen: hohe finanzielle Volumina, mangelnde Transparenz und erheblicher Reformbedarf.

Unvollständige Erfassung und Evaluierung

Die Studie zeigt, dass in Deutschland trotz intensiver politischer Debatten ein umfassender Überblick über Steuervergünstigungen kaum möglich ist. Der offizielle Subventionsbericht der Bundesregierung berücksichtigt Steuervergünstigungen enger als international üblich und erfasst selbst die darin enthaltenen Maßnahmen nicht vollständig. Bei 43 Prozent der gelisteten Vergünstigungen sind die verursachten Einnahmeausfälle unbekannt.

Zwei umfangreiche Evaluierungsrunden (2007–2009 und 2017–2019) lieferten wichtige Erkenntnisse zur Wirksamkeit der Steuervergünstigungen und identifizierten Reformbedarf. Die Umsetzung der Empfehlungen erfolgt jedoch nur langsam, sodass viele Ergebnisse veraltet sind. Von den 107 wirtschaftlichen Steuervergünstigungen wurden 50 bislang nie evaluiert.

Empfehlungen des Länderberichts

  • Klärung des Referenzsteuersystems, um eindeutig festzulegen, welche Regelungen als Steuervergünstigungen gelten und in zukünftigen Berichten ausgewiesen werden müssen.
  • Ausweitung der Berichterstattung über wirtschaftliche Ziele hinaus auf soziale und weitere politische Zielsetzungen.
  • Integration der Berichte über Steuervergünstigungen als festen Bestandteil des jährlichen Haushaltsplans mit Vorlage und Verabschiedung durch das Parlament, gemäß internationalen Standards.
  • Festlegung verbindlicher Evaluierungsvorgaben mit regelmäßigen Zeitabständen und umfassender Abdeckung, die konsequent umgesetzt werden.

Dr. Christian von Haldenwang fasst zusammen: „Der Bericht verdeutlicht bestehende Wissenslücken und Unschärfen in der aktuellen Berichterstattung. Dennoch liegen ausreichend Informationen vor, um unwirksame oder schädliche Maßnahmen gezielt zu reformieren.“

Diskussion auf der Veranstaltung

Die Präsentation des Berichts wurde von einer hochrangig besetzten Veranstaltung begleitet, bei der verschiedene Beiträge zentrale finanzpolitische Fragestellungen zu Steuerpolitik, Steuervergünstigungen und Subventionsabbau behandelten.

Dr. Marcus Optendrenk, Finanzminister Nordrhein-Westfalens, betonte die Bedeutung einer differenzierten Reformstrategie: „Reformen sollten in Paketen gebündelt werden, um eine gerechte Lastenverteilung zu gewährleisten. Pauschale Kürzungen nach dem Rasenmäherprinzip sind kontraproduktiv. Die Länder müssen von Beginn an in den Vollzug eingebunden sein.“

Michael Schrodi, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium der Finanzen, bekräftigte die Absicht der Bundesregierung, sämtliche Subventionen einer gründlichen Prüfung zu unterziehen.

Dr. Monika Wünnemann vom Bundesverband der Deutschen Industrie unterstrich die Bedeutung zielgerichteter Steuervergünstigungen für die Wettbewerbsfähigkeit und Transformation der deutschen Wirtschaft.

Dr. Robert Grundke von der OECD wies auf die hohe Belastung von Arbeitseinkommen im deutschen Steuersystem hin und schlug vor, Reformen durch den Abbau bestimmter Steuervergünstigungen und eine bessere Steuererhebung zu finanzieren.

Dr. Markus Dingendorf vom Bundesrechnungshof hob das Einsparpotenzial von bis zu 17 Milliarden Euro durch den Abbau unwirksamer oder klimaschädlicher Steuervergünstigungen hervor.

Dr. Michael Thöne unterstrich die Dringlichkeit, Steuervergünstigungen stärker in den Fokus der finanz- und steuerpolitischen Debatte zu rücken und warnte vor weiteren pauschalen Subventionsmaßnahmen wie dem Tankrabatt.


Kontakt und weiterführende Informationen

Wissenschaftlicher Ansprechpartner:
Dr. Christian von Haldenwang
Projektleitung & Senior Researcher
E-Mail: Christian.vonHaldenwang@idos-research.de
Telefon: +49 (0)228 94927 282
https://www.idos-research.de/christian-von-haldenwang/

Originalpublikation:
https://www.idos-research.de/presse/pressemitteilungen/laenderbericht-zu-steuerverguenstigungen-in-deutschland-am-8-oktober-2026-vorgestellt-und-hochrangig-diskutiert/

Weitere Informationen:
Deutsch: https://www.idos-research.de/buchveroeffentlichungen/article/laenderbericht-zu-steuerverguenstigungen-deutschland/
Englisch: https://www.idos-research.de/buchveroeffentlichungen/article/tax-expenditures-country-report-germany/

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