Agrar-Start-ups in Niedersachsen: Erfolg hängt stark von Integration in regionale Strukturen und Vertrauen ab

Agrar-Start-ups in Niedersachsen: Erfolg hängt stark von Integration in regionale Strukturen und Vertrauen ab

Studie zu Agrar-Start-ups: Herausforderungen der Integration in etablierte Strukturen

Das Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) veröffentlichte gemeinsam mit weiteren Forschungseinrichtungen eine Untersuchung, die im Fachjournal Progress in Economic Geography erschienen ist. Die Studie analysiert die Einbindung von Agrar-Start-ups in einer stark landwirtschaftlich geprägten Region Niedersachsens und bewertet deren Beitrag zu nachhaltigen Transformationsprozessen. Ein zentrales Ergebnis zeigt, dass der Einfluss dieser Innovationen maßgeblich von den bestehenden und gefestigten regionalen Strukturen abhängt.

Methodik und Untersuchungsansatz

Im Zeitraum von Januar bis März 2025 führten die Forschenden 16 leitfadengestützte Interviews mit Vertretern aus Wissenschaft, Wirtschaft, Verwaltung, Förderinstitutionen sowie dem Start-up-Umfeld durch. Ergänzend erstellten die Befragten Netzwerkkarten, um die Verbindungen und deren Funktionalität zwischen Akteuren sichtbar zu machen. Die Auswertung fokussierte fünf Dimensionen der „Nähe“ innerhalb des regionalen Innovationssystems: räumliche, kognitive, soziale, institutionelle und organisatorische Nähe. Die Studie verdeutlicht, dass das transformative Potenzial von Innovationen nicht allein von der Qualität der Ideen abhängt, sondern auch von deren Einbettung in bestehende Kontexte.

Vertrauen als Grundlage der Zusammenarbeit

Die untersuchte Region gilt als ein bedeutender Standort der deutschen Agrarwirtschaft, in dem langjährig etablierte Unternehmen entlang komplexer Wertschöpfungsketten eng kooperieren. Diese Nähe fördert Vertrauen und erleichtert die Zusammenarbeit, kann jedoch gleichzeitig die Aufnahme von Wissen aus neuen Unternehmen erschweren. Die Ergebnisse zeigen, dass Agrar-Start-ups häufig auf Vermittler angewiesen sind, um Zugang zu relevanten Netzwerken zu erhalten. Diese Vermittlung beeinflusst oft auch die Weiterentwicklung der Ideen.

Ein weiterer Befund betrifft die Rolle der landwirtschaftlichen Betriebe, die in den Interviews nur am Rande erwähnt wurden. Für die spätere Nutzung neuer Technologien oder Geschäftsmodelle auf den Höfen ist es jedoch essenziell, Landwirtinnen und Landwirte frühzeitig in Innovationsprozesse einzubinden. Die Studie legt nahe, dass Gründerinnen und Gründer, die neben regionalen Verbindungen auch Erfahrungen außerhalb des bestehenden Systems mitbringen, eine besondere Bedeutung besitzen, da sie neue Perspektiven einbringen, ohne den Zugang zu sozialen und wertebasierten Beziehungen zu verlieren.

Schrittweise Wirkung neuer Ideen

Ein innovativer Aspekt der Studie ist die Analyse der Qualität von Beziehungen innerhalb des regionalen Innovationssystems und des unternehmerischen Ökosystems, bestehend aus Akteuren, Netzwerken und Institutionen. Die Forschenden zeigen auf, welche Verbindungen als förderlich oder hemmend für neue Entwicklungen wahrgenommen werden. Enge soziale und informelle institutionelle Bindungen unter etablierten Akteuren begünstigen häufig inkrementelle Verbesserungen, wie effizientere Lösungen, während tiefgreifende Veränderungen seltener realisiert werden. Dies ist vor dem Hintergrund der großen Herausforderungen in der Landwirtschaft, insbesondere im Klima-, Umwelt- und Ressourcenschutz, von gesellschaftlicher Relevanz.

Katharina Rock vom ZALF, Erstautorin der Studie, betont: „Innovation in der Landwirtschaft hängt nicht allein von guten Ideen ab, sondern auch davon, ob neue Akteure Zugang zu bestehenden Netzwerken erhalten und ob dort Raum für neues, ungewohntes Wissen besteht.“

Empfehlungen und Ausblick

Die Autorinnen und Autoren empfehlen, regionale Innovationsnetzwerke für Agrarunternehmen breiter aufzustellen. Hochschulen und Forschungseinrichtungen könnten hierbei eine Schlüsselrolle übernehmen, indem sie in Ausbildung und Forschung neben wirtschaftlichen und technischen Aspekten verstärkt Umwelt- und Sozialthemen integrieren. Die Studie weist jedoch auch auf Einschränkungen hin: Die direkte Perspektive von Start-ups konnte nur begrenzt berücksichtigt werden, da viele junge Unternehmen ihre Netzwerke aus Wettbewerbsgründen nicht offenlegen wollten. Zukünftige Untersuchungen sollen daher detaillierter erforschen, unter welchen Bedingungen regionale Innovationsräume eher schrittweise Anpassungen oder tiefgreifende Veränderungen ermöglichen.

Projektpartner

  • Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF), Müncheberg
  • Universität Hohenheim, Stuttgart
  • Hochschule für Gesellschaftsgestaltung, Koblenz
  • Georg-August-Universität Göttingen

Förderung

Die Studie wurde finanziell unterstützt durch die Konrad-Adenauer-Stiftung, eine ZALF-Förderung zum Abschluss der Promotion, das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF; Förderkennzeichen: 031B0751) sowie die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG; Förderkennzeichen: 554256072).

Kontakt

Katharina Rock
Programmbereich 2 „Landnutzung und Governance“
Arbeitsgruppe „Co-Design von Wandel und Innovation“
E-Mail: katharina.rock@zalf.de

Originalpublikation

Rock, K., Schlaile, M. P., Busse, M., & Zscheischler, J. (2026). Agri-startups and their regional embeddedness: A qualitative network analysis on the German ‘Silicon Valley of Agriculture’. Progress in Economic Geography, 4, 100067. https://doi.org/10.1016/j.peg.2026.100067. Open Access unter der Lizenz CC BY 4.0.

Weiterführende Informationen

https://www.zalf.de/de/aktuelles/Seiten/Pressemitteilungen/Agrar-Start-Ups.aspx

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