Psychische Erkrankungen: Fehlzeiten bei AOK-Versicherten steigen innerhalb eines Jahrzehnts um 42 Prozent auf alarmierende Werte.

Psychische Erkrankungen: Fehlzeiten bei AOK-Versicherten steigen innerhalb eines Jahrzehnts um 42 Prozent auf alarmierende Werte.

Steigende Fehlzeiten durch psychische Erkrankungen innerhalb eines Jahrzehnts um 42 Prozent

Der aktuelle Fehlzeiten-Report 2026 des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) verdeutlicht, dass psychische Erkrankungen maßgeblich zum Anstieg der Krankmeldungen und der damit verbundenen Ausfallzeiten der Beschäftigten beitragen. Innerhalb der letzten zehn Jahre stiegen die Fehlzeiten aufgrund psychischer Erkrankungen bei AOK-versicherten Arbeitnehmern um nahezu 42 Prozent. Während 2016 noch 284 Arbeitsunfähigkeitstage pro 100 Versicherte registriert wurden, erhöhte sich diese Zahl bis 2025 auf 403 Tage pro 100 Mitglieder.

Vergleich der Krankheitsarten und Dauer der Krankschreibungen

Im Jahr 2025 lagen psychische Erkrankungen mit durchschnittlich 14,1 Arbeitsunfähigkeitsfällen pro 100 Versicherte zwar hinter Atemwegserkrankungen, die mit 80,3 Fällen führend sind. Allerdings weisen psychische Erkrankungen mit einer durchschnittlichen Krankschreibungsdauer von 28,5 Tagen je Fall eine deutlich längere Ausfallzeit auf als Atemwegserkrankungen, die lediglich 5,7 Tage pro Fall verzeichnen. Besonders auffällig ist der Anstieg der Burnout-Diagnosen, die zwischen 2016 und 2025 um 77 Prozent zunahmen: von 11,0 auf 19,5 Ausfalltage pro 100 Mitglieder.

Leichter Rückgang der Fehlzeiten 2025 und im ersten Halbjahr 2026

Über alle Erkrankungen hinweg zeigt sich seit den Höchstständen der vergangenen Jahre ein leichter Rückgang der Fehlzeiten. Im Jahr 2025 betrug die durchschnittliche Anzahl der Arbeitsunfähigkeitstage pro AOK-Mitglied 23,3, was unter den Spitzenwerten von 2022 (24,5 Tage) und den Jahren 2023 sowie 2024 (jeweils 23,9 Tage) liegt. Dennoch bleibt das Niveau deutlich höher als vor der Einführung der elektronischen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (eAU). Helmut Schröder, Geschäftsführer des WIdO, erklärt, dass die eAU neben weiteren Faktoren wie dem Anstieg der Atemwegserkrankungen durch die Corona-Pandemie und dem kontinuierlichen Zuwachs psychischer Erkrankungen zu einer umfassenderen Erfassung der Krankmeldungen geführt hat. Im ersten Halbjahr 2026 lagen die erfassten Ausfalltage unter dem Vorjahresniveau, was auf eine weitere Abnahme der Fehlzeiten in diesem Jahr hindeutet.

Berufsspezifische Unterschiede bei psychisch bedingten Krankmeldungen

Die Analyse zeigt deutliche Unterschiede zwischen Berufsgruppen hinsichtlich der Fehlzeiten aufgrund psychischer Erkrankungen. Im Jahr 2025 verzeichneten Beschäftigte im Dialogmarketing mit 39,0 Fällen pro 100 Mitglieder die höchste Anzahl an Krankmeldungen. Darauf folgten Berufe in der Haus- und Familienpflege (25,6 Fälle) sowie in der Altenpflege (24,9 Fälle). Weitere Berufe mit hohen Fehlzeiten sind die Heilerziehungspflege und Sonderpädagogik (24,6 Fälle) sowie die Kinderbetreuung und -erziehung (23,0 Fälle). Prof. Dr. med. Steffi Riedel-Heller, Leiterin des Instituts für Sozialmedizin, Arbeitsmedizin und Public Health an der Universität Leipzig, erläutert, dass psychosoziale Belastungen wie hohe emotionale Anforderungen, große Verantwortung, hohes Arbeitspensum, eingeschränkte Kontrolle über Arbeitsprozesse und mangelnde soziale Unterstützung zu häufigeren und längeren Ausfallzeiten führen.

Die längsten Ausfallzeiten bei psychischen Erkrankungen entfallen laut Report auf Diagnosen wie „Reaktionen auf schwere Belastungen und Anpassungsstörungen“, gefolgt von depressiven Episoden und wiederkehrenden depressiven Störungen.

Zusammenhang zwischen wirtschaftlicher Lage und psychischer Belastung

Eine aktuelle Befragung von Beschäftigten im Rahmen des Fehlzeiten-Reports 2026 zeigt, dass Sorgen um die eigene finanzielle Situation und Angst vor Arbeitslosigkeit mit verstärkten psychischen Belastungen wie Niedergeschlagenheit, Wut und Erschöpfung einhergehen. Helmut Schröder weist darauf hin, dass sich die psychischen Belastungen bei einer angespannten wirtschaftlichen Lage in Deutschland weiter verschärfen könnten, was sich negativ auf die Fehlzeiten aufgrund psychischer Erkrankungen auswirken kann. Er betont die Notwendigkeit, im betrieblichen Umfeld unterstützende Maßnahmen zu entwickeln, die Unternehmen, Führungskräfte und Beschäftigte entlasten.

Deutlicher Anstieg der Krankengeld-Ausgaben

Die Bedeutung der mentalen Gesundheit in der Arbeitswelt spiegelt sich auch in den Krankengeldstatistiken wider. Nach vorläufigen Daten beliefen sich die Ausgaben der gesetzlichen Krankenversicherung für Krankengeld im Jahr 2025 auf 21,6 Milliarden Euro, was etwa 6,1 Prozent der Gesamtausgaben entspricht. Vor zehn Jahren lagen diese Ausgaben bei 11,2 Milliarden Euro (5,2 Prozent). Dr. Carola Reimann, Vorstandsvorsitzende des AOK-Bundesverbandes, führt den Anstieg neben höherer Erwerbsquote und gestiegenen Löhnen auch auf eine Zunahme der Fallzahlen und längere Krankheitsdauern zurück, wobei psychische Erkrankungen eine wesentliche Rolle spielen.

Zwischen 2021 und 2025 stiegen die Krankengeldfälle bei psychischen Erkrankungen um knapp 25 Prozent, während sie bei somatischen Erkrankungen wie Rückenleiden oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen zurückgingen. Die Ausgaben für Krankengeld bei psychischen Erkrankungen erhöhten sich im gleichen Zeitraum um 54 Prozent, verglichen mit einem Anstieg von 27 Prozent bei somatischen Erkrankungen. Reimann weist darauf hin, dass die überdurchschnittlich langen Krankheitsdauern bei psychischen Erkrankungen diesen Trend verstärken und betont den dringenden Handlungsbedarf, um weiteren Anstiegen entgegenzuwirken und die Gesundheit der Beschäftigten zu erhalten. Sie begrüßt die ab Januar 2027 geltenden Erleichterungen im Krankengeld-Management der gesetzlichen Krankenkassen sowie die Aktivitäten zur Betrieblichen Gesundheitsförderung.

Fehlzeiten als Indikator, nicht als Maß für psychische Erkrankungen

Prof. Dr. med. Steffi Riedel-Heller betont, dass die Zunahme psychisch bedingter Arbeitsunfähigkeitszeiten nicht zwangsläufig eine gleichzeitige Zunahme psychischer Erkrankungen in der Bevölkerung widerspiegelt. Fehlzeiten seien ein wichtiger Indikator, jedoch kein direktes Maß für die Häufigkeit psychischer Erkrankungen. Die verbesserte Erkennung, offenere Kommunikation und häufigere Behandlung psychischer Störungen sowie Hinweise auf reale Zunahmen psychischer Belastungen, insbesondere bei jungen Menschen, spielen eine Rolle.

Arbeit kann sowohl Risiko als auch Ressource für psychische Gesundheit sein. Gute Arbeitsbedingungen bieten Sicherheit, Zugehörigkeit, Struktur und Selbstwirksamkeit. Zur Reduktion psychisch bedingter Fehlzeiten ist die Gestaltung gesundheitsförderlicher Arbeitsbedingungen entscheidend. Dazu gehören gestärkte Beschäftigte, frühzeitige Unterstützung bei Problemen und effektive Rückkehrmöglichkeiten in den Beruf. Die Verantwortung für psychische Gesundheit darf nicht allein den Beschäftigten zugeschoben werden; neben individueller Förderung sind auch gesundheitsförderliche Arbeitsverhältnisse und betriebliches Eingliederungsmanagement zentral.

Fehlzeiten-Report 2026 mit Schwerpunkt auf mentaler Gesundheit

Der Fehlzeiten-Report wird seit 1998 vom Wissenschaftlichen Institut der AOK (WIdO) in Zusammenarbeit mit der Universität Bielefeld und der Berliner Hochschule für Technik herausgegeben. Der aktuelle Report umfasst 25 Beiträge, die sich dem Thema „Mentale Gesundheit in der Arbeitswelt stärken“ widmen und detaillierte Analysen zur Entwicklung des Krankenstandes enthalten.


Quellenangabe:

Bernhard Badura, Antje Ducki, Johanna Baumgardt, Markus Meyer, Helmut Schröder (Hrsg.): Fehlzeiten-Report 2026. Mentale Gesundheit in der Arbeitswelt stärken. Berlin 2026. DOI: https://doi.org/10.1007/978-3-662-73665-4

Weiterführende Informationen:

https://www.wido.de/publikationen-produkte/buchreihen/fehlzeiten-report/

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