Digitale Karten visualisieren Vermögensverteilung im Deutschen Kaiserreich
Ein neu entwickelter digitaler Kartensatz ermöglicht erstmals eine räumliche Darstellung der Vermögenselite im Deutschen Kaiserreich. Die Historikerin Eva Maria Gajek vom Leibniz-Institut für Raumbezogene Sozialforschung sowie die Soziologin Daria Tisch, vormals am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung tätig, haben diese Karten erstellt. Sie bieten neue Einblicke in die Entstehung exklusiver Wohnviertel und die räumliche Segregation von Arm und Reich, die viele Städte bis heute prägt.
Grundlage und Methodik
Die Karten basieren auf den zwischen 1912 und 1914 erschienenen „Jahrbüchern des Vermögens und Einkommens der Millionäre“ von Rudolf Martin, einem ehemaligen Regierungsrat und Publizisten. Diese Publikationen gelten als Vorläufer moderner Reichenlisten. Gajek und Tisch haben die Daten digitalisiert und georeferenziert, wobei alle Personen mit einem Vermögen von mindestens zwei Millionen Mark erfasst wurden. Im damaligen Deutschen Kaiserreich lebten etwa 68 Millionen Menschen; nur rund 4.500 davon waren Millionäre, was einem Millionär auf etwa 15.000 Einwohner entspricht.
Interaktive Karten und Funktionen
- Eine Vermögenskarte zeigt die Wohnorte der reichsten Personen.
- Eine Berufskarte visualisiert die Berufs- und Sozialzugehörigkeit der Millionäre.
- Eine dritte Karte stellt die familiären Verbindungen der Millionäre in Köln dar.
Die Karten erlauben Filterungen nach Beruf und Vermögen, die Suche nach Adressen sowie das Zoomen bis auf Straßenniveau. Zusätzlich enthalten sie Informationen darüber, ob Nachfahren der damaligen Vermögenden heute in aktuellen Vermögensrankings vertreten sind.
Regionale Verteilung der Vermögenselite
Die Vermögenskarte verdeutlicht, dass Berlin mit 838 Millionären die höchste Anzahl aufwies. Diese konzentrierten sich vor allem im Tiergartenviertel, einem historischen Villenviertel, das heute kaum noch existiert. Hamburg, als bedeutende Handelsstadt, folgte mit 337 Millionären, während Frankfurt am Main als Finanzzentrum 235 Millionäre beherbergte. Im Gegensatz zu Frankreich, wo sich die Vermögenselite hauptsächlich in Paris sammelte, verteilte sich diese im Deutschen Kaiserreich auf mehrere wirtschaftliche Zentren.
Wissenschaftliche Bedeutung und Verfügbarkeit
Eva Maria Gajek hebt hervor, dass die Karten räumliche Muster sichtbar machen, die in traditionellen Listen oder Tabellen schwer erkennbar sind. Dazu zählen die Konzentration von Wohlstand, die Nähe bestimmter Vermögensgruppen zueinander sowie die besondere Relevanz einzelner Straßen und Viertel für die Vermögenselite der damaligen Zeit. Die Daten von Rudolf Martin ermöglichen ein detaillierteres Verständnis der Reichen vor über 100 Jahren als der heutigen Vermögenselite.
Daria Tisch betont, dass der frei verfügbare Datensatz Forschenden die Möglichkeit bietet, Vermögensungleichheit in ihren unterschiedlichen Facetten vertieft zu analysieren und mit weiteren Informationen zu ergänzen.
Projektkontext
Die Karten entstanden im Rahmen des Forschungsprojekts „Where the Rich Live. Mapping Villa Neighborhoods and Cultures of Wealth in Germany’s Long Twentieth Century (RichMap)“. Dieses untersucht die räumlichen und kulturellen Dimensionen von Reichtum in Deutschland vom Kaiserreich bis zur Gegenwart. Das Projekt wird von Kerstin Brückweh und Eva Maria Gajek am Leibniz-Institut für Raumbezogene Sozialforschung geleitet und von der Leibniz-Gemeinschaft gefördert.
Die digitalen Karten sind online verfügbar unter: https://stadt-raum-geschichte.de/forschung/projekte/where-the-rich-live/vom-verzeichnis-zur-karte
Kontakt und weitere Informationen
PD Dr. Eva Maria Gajek
Leibniz-Institut für Raumbezogene Sozialforschung (IRS)
Forschungsschwerpunkt: Zeitgeschichte und Archiv
E-Mail: eva.gajek@leibniz-irs.de
Telefon: 03362 / 793-270
Weiterführende Links:
Projektseite RichMap
Leibniz IRS Projektbeschreibung
Biografische Hinweise
- PD Dr. Eva Maria Gajek ist Historikerin am Leibniz-Institut für Raumbezogene Sozialforschung mit Forschungsschwerpunkten in den Bereichen Reichtum, Eigentum und soziale Ungleichheit.
- Dr. Daria Tisch ist Soziologin und war von 2021 bis 2025 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung. Seit 2026 arbeitet sie als Referentin beim Bayerischen Landesamt für Statistik.




















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