Angehörigenpflege in Deutschland: Herausforderungen für den Arbeitsmarkt bis 2045
In Deutschland sind derzeit etwa sechs Millionen Menschen pflegebedürftig, wovon rund drei Viertel von Angehörigen zu Hause betreut werden. Etwa 4,6 Millionen Personen im erwerbsfähigen Alter, das entspricht 8,7 Prozent, übernehmen diese Pflegeaufgaben. Der demografische Wandel führt zu einer Verschärfung des Konflikts zwischen Pflegeverpflichtungen und beruflicher Tätigkeit. Prognosen der Bertelsmann Stiftung und der Prognos AG zeigen, dass im Jahr 2045 voraussichtlich 13,3 Prozent der Erwerbsbevölkerung pflegebedürftige Angehörige versorgen werden, wobei Frauen besonders stark betroffen sind. Ohne verbesserte Vereinbarkeitsmaßnahmen könnte der Verlust an Erwerbsvolumen um 25 Prozent zunehmen.
Wachsende Belastung durch Pflegeverantwortung
Die Rolle der Angehörigen in der Pflege wird angesichts der steigenden Zahl pflegebedürftiger Personen künftig noch bedeutender. Die Prognosen gehen davon aus, dass sich der Anteil der pflegenden Erwerbstätigen bis 2045 deutlich erhöht. Diese Entwicklung stellt eine zunehmende Herausforderung dar, Pflege und Beruf miteinander zu vereinbaren. Michaela Hermann, Arbeitsmarktexpertin der Bertelsmann Stiftung, betont, dass insbesondere Frauen durch die Pflege häufig ihre Erwerbstätigkeit einschränken oder ganz aufgeben, was sowohl ihre beruflichen Perspektiven als auch den Fachkräftebedarf auf dem Arbeitsmarkt negativ beeinflusst.
Erwerbsverluste durch Pflegeaufgaben
- Im Jahr 2026 wird der durch Pflegebedürftigkeit bedingte Erwerbsverlust auf etwa 184.000 Vollzeitäquivalente geschätzt.
- Bis 2045 könnte dieser Wert auf rund 229.000 Vollzeitstellen ansteigen, was einem Zuwachs von knapp 25 Prozent entspricht.
- Diese Entwicklung führt zu einem erheblichen Rückgang des verfügbaren Arbeitskräftepotenzials, insbesondere vor dem Hintergrund des demografischen Wandels.
Eric Thode von der Bertelsmann Stiftung weist darauf hin, dass ohne Veränderungen die gesellschaftliche Alterung den Arbeitsmarkt in den nächsten zwei Jahrzehnten deutlich beeinträchtigen wird, was negative Folgen für die berufliche Entwicklung der Betroffenen und die wirtschaftlichen Wachstumsaussichten hat.
Geschlechtsspezifische Auswirkungen
Frauen stellen derzeit etwa 63 Prozent der pflegenden Angehörigen und investieren durchschnittlich sechs Stunden mehr pro Woche in Pflegeaufgaben als Männer. Sie reduzieren ihre Arbeitszeit häufiger und früher als Männer, was zu einem überproportionalen Erwerbsverlust führt. Für das Jahr 2045 wird prognostiziert, dass rund 580.000 Frauen aufgrund von Pflegeverpflichtungen ihre Erwerbstätigkeit einschränken oder ganz aufgeben könnten. Dies entspricht etwa drei Vierteln des gesamten Erwerbsvolumenverlusts und rund 173.000 Vollzeitäquivalenten. Der Großteil des Erwerbsverlusts entfällt auf Personen, die mehr als zehn Stunden wöchentlich pflegen.
Empfehlungen für Politik und Unternehmen
Politische Entscheidungsträger und Unternehmen sind gefordert, die informelle Pflege stärker zu berücksichtigen. Reformen zur besseren Vereinbarkeit von Pflege und Beruf, wie etwa die Einführung eines Familienpflegegeldes oder eines Familienbudgets, sollten auf eine partnerschaftliche Verteilung der Pflegeverantwortung abzielen. Zudem sollte der Zugang zu professionellen Pflegeangeboten, beispielsweise Tages- und Kurzzeitpflege, erleichtert werden. Präventionsmaßnahmen könnten dazu beitragen, den Pflegebedarf bei Personen mit geringem Pflegebedarf zu verzögern oder zu vermeiden.
Michaela Hermann hebt hervor, dass die Unterstützung pflegender Angehöriger auch eine unternehmerische Verantwortung darstellt. Flexible Arbeitszeiten, Homeoffice-Möglichkeiten und verlässliche Absprachen zur Anpassung der Arbeitszeit sind wichtige Instrumente. Zudem sollte der Wiedereinstieg nach einer beruflichen Unterbrechung erleichtert werden, da zahlreiche Unternehmen von den Auswirkungen der Pflegeverpflichtungen betroffen sein werden.
Methodische Grundlagen der Analyse
Die Untersuchung basiert auf einer quantitativen Auswertung des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) sowie Daten des Statistischen Bundesamts. Ergänzt wird die Analyse durch eine qualitative Auswertung empirischer Studien zu den Zusammenhängen zwischen Pflegeverantwortung und Erwerbsverhalten. Die Bestandsaufnahme bezieht sich auf das Jahr 2023, während die Prognosen für 2026 und 2045 auf Modellrechnungen beruhen, die die beobachteten Strukturen der Pflegenden hinsichtlich Geschlecht, Pflegeintensität und Erwerbsstatus sowie empirisch fundierte Annahmen konstant halten.
Kontaktinformationen
- Michaela Hermann
Telefon: 030 27 57 88-197
E-Mail: michaela.hermann@bertelsmann-stiftung.de - Eric Thode
Telefon: 05241 81 81-581
E-Mail: eric.thode@bertelsmann-stiftung.de


















