Studie der ESMT Berlin zeigt schrittweisen Abstieg von Unternehmen in unethisches Verhalten
Unethisches Verhalten in Unternehmen entwickelt sich häufig allmählich und nicht abrupt, wie oft angenommen wird. Eine aktuelle Untersuchung der ESMT Berlin beleuchtet, wie Mitarbeitende durch eine sukzessive Neudefinition gemeinsamer ethischer Standards in Fehlverhalten verstrickt werden können.
Forschungsansatz und Publikation
Die Studie mit dem Titel „The Emergence of Collective Moral Disengagement“ wurde von Ulf Schäfer (ESMT Berlin), Urs Müller (SDA Bocconi School of Management) und Johannes Habel (C.T. Bauer College of Business, University of Houston) verfasst und im peer-reviewten Journal of Business Ethics veröffentlicht. Im Fokus steht die Frage, wie unethisches Verhalten innerhalb von Organisationen sozial akzeptiert und normalisiert wird, bevor es zu gravierenden Verstößen kommt.
Während frühere Untersuchungen meist individuelle Motive oder Rechtfertigungen nach bereits eingetretenem Fehlverhalten analysierten, widmet sich diese Arbeit dem Prozess der sozialen Normalisierung unethischer Handlungen innerhalb von Gruppen im Vorfeld größerer Skandale.
Theoretischer Rahmen und Analyse großer Unternehmensskandale
Auf Grundlage der Theorie der moralischen Distanzierung, der Multilevel-Theorie sowie Erkenntnissen aus der Forschung zu komplexen adaptiven Systemen beschreibt die Studie einen dreistufigen Prozess. Dieser erklärt, wie sich innerhalb von Teams durch gemeinsame Rechtfertigungen und soziale Verstärkungen schrittweise eine kollektive moralische Entkopplung entwickelt.
Zur Veranschaulichung dieser Mechanismen wurden mehrere bedeutende Unternehmensskandale untersucht, darunter:
- Der Diesel-Abgasskandal bei Volkswagen
- Korruptionsvorwürfe bei Siemens
- Der Wells-Fargo-Skandal um gefälschte Kundenkonten
- Die aggressive Vermarktung von OxyContin durch Purdue Pharma
Erkenntnisse und Einflussfaktoren
Ulf Schäfer, Senior Lecturer an der ESMT Berlin, betont, dass viele große Skandale nicht durch Einzelpersonen verursacht werden, sondern durch Gruppen, die problematisches Verhalten schrittweise als normal akzeptieren. Dabei bleibt das individuelle Selbstbild der Mitarbeitenden als ethisch handelnde Personen häufig erhalten, während sich gleichzeitig die kollektiven Maßstäbe für akzeptables Verhalten verschieben.
Die Studie identifiziert mehrere Faktoren, die das Risiko eines schleichenden Übergangs zu unethischem Verhalten erhöhen:
- Einflussreiche Mitarbeitende, die zweifelhaftes Verhalten legitimieren
- Interne Narrative, die Fehlverhalten rechtfertigen
- Starke Gruppenzugehörigkeit, die das Ansprechen von Missständen erschwert
Implikationen für Unternehmen
Die Ergebnisse unterstreichen die Notwendigkeit, frühzeitig auf organisatorische Dynamiken zu achten, die fragwürdiges Verhalten begünstigen und festigen können. Besonders wichtig sind klare Signale von Führungskräften, offene interne Diskussionen sowie Anreizsysteme, die eine gemeinsame und transparente Definition ethischer Grenzen fördern. Nur so kann verhindert werden, dass Fehlverhalten zu größeren Krisen innerhalb der Organisation eskaliert.
Wissenschaftlicher Kontakt
Originalpublikation
The Emergence of Collective Moral Disengagement (Journal of Business Ethics)




















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